Tour 4: Finanzraub – Kunstraub

Dauer: 00:50
Entfernung: 3,26 km

Finanzraub – Kunstraub

Die Beraubung erst der Emigranten, dann der in den Tod deportierten Juden und Sinti kannte viele (Mit)Täter und Profiteure. Auch Ämter und Museen der Stadt Hannover bekamen ihr Teil ab.

Die etappenweise Isolierung, Entrechtung und schließlich Deportation und Ermordung der Juden und Sinti ging Hand in Hand mit ihrer finanziellen Ausplünderung. Dieser Raubzug wurde von städtischen Ämtern und der übergeordneten Finanzverwaltung durchgeführt.

Wir wenden uns vom ZeitZentrum Zivilcourage nach rechts und erreichen über Leinstraße, Holzmarkt und Pferdestraße das Hohe Ufer der Leine. Hinter den dicken Mauern des alten welfischen Zeughauses – heute ein Teil des Historischen Museums – war bis zu seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg das städtische Leihamt untergebracht. Im Frühjahr 1939 waren die jüdischen EinwohnerInnen Hannovers und seiner Umgebung gezwungen, alle Edelmetallgegenstände in ihrem Besitz hierher zu bringen: Bestecke, Münzen, Schmuck, Tafelschmuck usw. Die Einlieferer erhielten einen geringen Teil des Materialwertes als Entgelt.

Der Weg geht die Leinstraße und den Friedrichswall zurück zum Museum August Kestner am Trammplatz. Auch dieses älteste Museum der Stadt war Profiteur von „Judengut“. Sein Leiter sicherte manches gute Stück aus der Hinterlassenschaft deportierter Jüdinnen und Juden für die Bestände seines Hauses.

Durch den Rathauspark führt ein kurzer Weg zum Niedersächsischen Landesmuseum Hannover, dem ehemaligen Provinzialmuseum. Während der 1920er Jahre hatte es sich in seiner Ankaufspolitik der Moderne geöffnet. Die Installation des „Kabinett der Abstrakten“ stellte expressionistische und gegenstandslose Werke von Mondrian, Picasso, Schwitters, Moholy-Nagy und anderen in einen weltweit einmaligen Ausstellungsrahmen. Das Jahr 1937 brachte die Zerstörung des Kabinetts und die Aussonderung von insgesamt 278 Kunstwerken als „entartete Kunst“ zur Versteigerung gegen Devisen, Zerstörung oder Verkauf an Zwischenhändler (wie Hildebrand Gurlitt) und Privatsammler.

Am Maschsee erwartet uns ein Kontrastprogramm: Das Sprengel-Museum bietet – gegen Eintritt – die Rekonstruktion des “Kabinett der Abstrakten” und hochkarätige Kunstwerke ehemals als “entartet” verfemter Künstler der Moderne wie Kurt Schwitters, Max Beckmann oder Otto Dix. Am Nord- und Ostufer sind – umsonst und draußen – zeittypische Skulpturen der 1930er Jahre zu besichtigen: Nazi-Kunst?

Auf der Bella-Vista-Brücke kommen wir über die Leine,  über den Hannah-Arendt-Weg biegen wir in die Hardenbergstraße ein zum Altbau des Finanzamtes, ehemals Sitz des Oberfinanzpräsidenten. Zoll- und Devisenbestimmungen der Finanzverwaltungen sorgten dafür, dass Flüchtlinge aus dem nationalsozialistischen Deutschland zunehmend nur noch die bloße Haut retten konnten. Nach der Deportation der Juden und Sinti aus Deutschland verwerteten die Finanzämter deren zwangsweise zurück gelassenes Eigentum und Vermögen zugunsten der Reichskasse. Aufrüstung und Krieg mussten schließlich finanziert werden.

Über die Leinebrücke und vorbei am Neuen Rathaus gehen wir zurück zum ZeitZentrum Zivilcourage am Friedrichswall.