Ehemaliges Gerichtsgefängnis Hannover

Abgerissen nach dem Krieg: Nur ein Mahnmal neben dem Kulturzentrum Pavillon erinnert an das ehemalige Gerichtsgefängnis Hannover und seine Rolle im Nationalsozialismus. Hier waren zwischen 1933 und 1945 auch zahlreiche politische Gegner des Regimes und Homosexuelle, Sinti, Zeugen Jehovas sowie während des Krieges ausländische Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen inhaftiert.

Gerichtsgefängnis, ca.1947. Archiv der Region Hannover, Nachlass Koberg, Nr. 102 (90/2056/10)
Gerichtsgefängnis, ca.1947. Archiv der Region Hannover, Nachlass Koberg, Nr. 102 (90/2056/10)

Das Gefängnis neben den Gerichten

Der große Gebäudekomplex hinter dem Hauptbahnhof wird in den Jahren 1865–1875 erbaut. Er hat den Zweiten Weltkrieg beschädigt überstanden und muss im Jahre 1964 dem Bau der Hamburger Allee weichen. Von den Justizgebäuden in seiner unmittelbaren Nähe steht heute nur noch das Amtsgericht am Volgersweg, in dem früher das Sondergericht Hannover untergebracht war.

Im Gerichtsgefängnis werden ursprünglich auch Hinrichtungen mit dem Fallbeil durchgeführt. Im Jahre 1925 wird nach einem Prozess der Serienmörder Fritz Haarmann im Gefängnishof enthauptet. Da der Hof von den umliegenden Häusern, darunter einem Gymnasium, einzusehen ist, wird die Guillotine 1937 in das Strafgefängnis Wolfenbüttel gebracht.

Häftlinge: Auguste Breitzke

In den Jahren 1936 und 1937 ist das Gefängnis mit über eintausend Gefangenen überfüllt. In dieser Zeit wird in Hannover eine der bedeutendsten Widerstandsgruppen Deutschlands zerschlagen. Die „Sozialistische Front“ hat ihre Basis in den Arbeiterstadtteilen Linden, Limmer und Ricklingen. Sie besteht aus Sozialdemokraten, die im Gegensatz zur abwartenden Parteilinie schon früh die Vorbereitung auf den illegalen Kampf fordern – unter ihnen die junge Lindener Arbeiterin Auguste (Gustel) Breitzke, die weiter für Druck und Verbreitung der Widerstandsschrift „Sozialistische Blätter“ sorgt, als ihr Verlobter Franz Nause bereits von der Gestapo verhaftet ist.

Im Juli 1936 schleust die Gestapo einen Spitzel in die Organisation ein. Auguste Breitzke wird enttarnt und kommt im Polizeigefängnis Hardenbergstraße und dann im Gerichtsgefängnis an der Leonhardtstraße in Einzelhaft, bevor sie mit vielen ihrer Genossen und Genossinnen vom Berliner Volksgerichtshof zu einer Haftstrafe verurteilt wird. Sie überlebt Verfolgung und Krieg. Franz Nause stirbt 1943 in Zuchthaus Brandenburg.

Häftlinge: Otto Brenner

Ein weiterer politischer Häftling im Gerichtsgefängnis ist der Hannoveraner Arbeiter Otto Brenner. Er engagiert sich seit seiner Jugend in sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen Organisationen. Seit 1931 baut er in Hannover eine Ortsgruppe der Sozialistischen Arbeiterpartei SAP auf, die sich angesichts der Spaltung der Arbeiterbewegung für eine Einheitsfront gegen den erstarkenden Nationalsozialismus einsetzt. Die Gruppe geht schon im März 1933 in den Widerstandskampf und verbreitet illegale Flugschriften.

Otto Brenner wird im August 1933 als Kurier verhaftet und später in das Gerichtsgefängnis überführt. Dort ist er bis zu seiner Verurteilung im Juni 1935 inhaftiert. Er übersteht Nationalsozialismus und Krieg und wird zu einem der wichtigsten SPD-Politiker und Gewerkschaftsführer der Bundesrepublik.

Häftlinge: Ernst Thälmann

Der bekannteste kommunistische Häftling des Gerichtsgefängnisses ist Ernst Thälmann, der letzte Parteivorsitzende der KPD vor ihrer Zerschlagung durch die Nationalsozialisten. Er war bereits während der ersten Razzien gegen Kommunisten Anfang März 1933 festgenommen worden und wurde 1937 von Berlin in das Gerichtsgefängnis Hannover überführt. Er sitzt dort in strenger Isolationshaft – sämtliche Zellen neben, über und unter ihm werden von Häftlingen freigemacht, um Kontakte zu verhindern. Im Jahre 1943 wird Thälmann in das Zuchthaus Bautzen verlegt und ein Jahr später im KZ Buchenwald erschossen.

Text
Gerichtsgefängnis_Hannover (PDF)

Weitere Informationen online

Wikipedia-Beitrag Gerichtsgefängnis (Hannover)
Wikipedia-Beitrag Mahnmal Gerichtsgefängnis Hannover
www.sozialistische-front.de Die Sozialistische Front Hannover
www.otto-brenner.de Biografie von Otto Brenner
Wikipedia-Beitrag Ernst Thälmann
Kulturzentrum Pavillon Pavillon Prison Break. Das Gaming Projekt

Literatur: Auswahl

Texte und Bildredaktion: Michael Pechel