Ehrenfriedhof am Maschsee-Nordufer

Gräber für Opfer aus ganz Europa: Auf diesem Friedhof ruhen 386 KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter sowie Kriegsgefangene aus vielen europäischen Ländern. Unter ihnen sind 154 Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion, die bei einer Massenerschießung am 6. April 1945 – vier Tage vor der Befreiung Hannovers – auf dem Stadtfriedhof Seelhorst ermordet wurden.

Blumen auf den Einzelgräbern des Ehrenfriedhofs, Mai 1945. Quelle Russisches staatliches Archiv für Sozial- und Politikgeschichte, Akten 2090, Bestand 7M, Verzeichnis 1

Zwangsarbeit

Seit Kriegsbeginn werden Zivilisten und Kriegsgefangene aus allen besetzten Ländern zur Zwangsarbeit in Deutschland eingesetzt. Ihre Zahl vermehrt sich nochmals im „Totalen Krieg“ nach der Niederlage von Stalingrad im Februar 1943 und angesichts dramatischer Arbeitskräfteknappheit an der „Heimatfront“. In Hannover sind bis zu 60.000 Ausländerinnen und Ausländer zur Arbeit gezwungen, und hunderte Barackenlager über das Stadtgebiet verstreut. In der Lindener Rüstungsschmiede Hanomag zum Beispiel liegt der Anteil von Zwangsarbeitenden kurz vor Kriegsende bei rund 30 Prozent der Gesamtbelegschaft.

Einstufung nach “Rassen”

Die Einstufung der Ausländer folgt rassistischen Kriterien. In Merkblättern gibt die Geheime Staatspolizei Gestapo genaue Anweisungen zum Umgang mit „Fremdvölkischen“. Angehörige „germanischer Völker“ wie Holländer oder Norweger genießen mehr Freiheiten, bessere medizinische Versorgung und größere Essensrationen als Slawen. Tschechen und Serben stehen über Polen, diese wiederum über den sogenannten „Ostarbeitern“ aus der UDSSR.

Gestapo-Gefängnis Ahlem

Nach Ausbombung in der Südstadt im Oktober 1943 ist eine Gestapo-Außenstelle in Gebäuden der ehemaligen Jüdischen Gartenbauschule Ahlem für die Kontrolle und Bestrafung ausländischer ZwangsarbeiterInnen verantwortlich. Unmittelbar neben den Büros der Beamten und Angestellten wird Mitte 1944 ein eigenes Gefängnis für bis zu 1000 Häftlinge eingerichtet. Im März 1945 sterben wenige Schritte entfernt über 50 Männer und Frauen an den Galgen einer Hinrichtungsstätte. Vor der Ankunft amerikanischer Truppen werden die Häftlinge des Arbeitserziehungslagers (AEL) der Gestapo in Lahde bei Minden nach Ahlem getrieben.

Nur einer entkommt dem Tod

Bevor im April 1945 die Gestapo-Angehörigen aus Hannover fliehen, bestimmen sie noch 155 sowjetische Zwangsarbeiter zum Tode – diese müssen sich auf dem Seelhorster Friedhof ihr eigenes Massengrab schaufeln. Unter ihnen ist eine junge Frau. Peter Palnikow, gefangener Hauptmann der Roten Armee, kann als Einziger den Schüssen des Gestapo-Kommandos entkommen. Er berichtet später einem alliierten Untersuchungs-Tribunal von dem Verbrechen: „Einer der Wachmänner kam auf das Mädchen zu und feuerte einen Schuss auf das Mädchen ab. Er feuerte zum zweiten Mal, aber das Mädchen blieb noch immer stehen. Nachdem der dritte Schuss abgegeben worden war, fiel das Mädchen zu Boden.“ – In diesem Moment gelingt Palnikow die Flucht.

Leichenzug durch Hannover

Der ehemalige Hauptmann ist es auch, der nach der Befreiung Hannovers die alliierten Militärbehörden auf die Mordstätte aufmerksam macht. Briten und Amerikaner ordnen die Bestattung dieser Toten auf einem neu errichteten Ehrenfriedhof am Maschsee-Nordufer an. Dort werden weitere 232 Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge aus Massengräbern des Seelhorster Friedhofs beigesetzt. Zur Exhumierung der Leichen werden hochrangige Mitglieder der ehemaligen NSDAP gezwungen, und Hannovers Bevölkerung muss dem Leichentransport mit LKW über die Hildesheimer Straße folgen.

Zerstörung im Kalten Krieg

Der zentrale Ort hinter dem Neuen Rathaus soll helfen, die Morde im Gedächtnis der Stadtgesellschaft zu erhalten. Trotzdem führt der „Russenfriedhof“, wie er bald abwertend hieß, über Jahrzehnte ein Schattendasein. Das Denkmal des ukrainischen Bildhauers Mykola Muchin wird im „Kalten Krieg“ vielfach zerstört – 1947 der Kopf der Figur abgeschlagen, in den frühen 1950er Jahren der Sowjetstern unter ungeklärten Umständen entfernt, 1979 und 1987 Sprengstoffattentate verübt sowie 1980 das Mahnmal mit Farbe übergossen.

Gemeinsames Gedenken

Im Jahre 1979 übernimmt die IG Metall eine Patenschaft für den Friedhof. Seit 2006 arbeitet die Arbeitsgemeinschaft Friedhof Maschsee-Nordufer gemeinsam zu diesem Ort. Sie engagiert sich für Schulprojekte und Pflegepatenschaften, begleitet die Gestaltung von Gedenktagen sowie die Ausrichtung einer internationalen Jugendbegegnung. Jährlich findet hier am 1. September die zentrale Veranstaltung zum Antikriegstag statt.

Eine Geschichts- und Erinnerungstafel auf dem Ehrenfriedhof informiert in Schrift und Bild über den historischen Ort. Sie entstand im Rahmen eines Schulprojektes der Heinrich-Heine-Schule, Hannover in Zusammenarbeit mit: Volkswagen Coaching GmbH, Hannover, IG Metall Hannover, Projekt Hannoversche Lager, Stadt Hannover, Volga Int., Finatep AG und dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. (Vorderseite) und St. Ursula-Schule-Hannover, in Kooperation mit: Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V., der Landeshauptstadt Hannover, Fachbereich Bildung und Qualifizierung, Verein Gegen das Vergessen/NS-Zwangsarbeit e.V., Volga Int. (Rückseite).

Text
Ehrenfriedhof_Maschsee (PDF)

Weitere Informationen online

Volksbund deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.
Download der Informationstafel als PDF
Städtische Erinnerungskultur
Flyer und Informationstafeln zum Download
Region Hannover Gedenkstätte Ahlem

Literatur: Auswahl

Texte und Bildredaktion: Michael Pechel