Altes Gewerkschaftshaus an der Goseriede

Herz der Arbeiterbewegung Hannovers: Das hannoversche Gewerkschaftshaus war ein großer Häuserkomplex zwischen Goseriede und Odeonstraße mit zahlreichen Innenhöfen – Sitz der SPD-Zeitung „Volksstimme“ und vieler Einzelgewerkschaften. Schon am 1. April 1933 wurde es von bewaffneten Nationalsozialisten gestürmt und besetzt.

1. April 1933: SS-Männer und Passanten vor dem besetzten Gewerkschaftshaus. Auf dem Gehweg verbrannte Fahnen der Gewerkschaften und der SPD. Foto Walter Ballhause. Walter-Ballhause-Archiv, Plauen
1. April 1933: SS-Männer und Passanten vor dem besetzten Gewerkschaftshaus. Auf dem Gehweg verbrannte Fahnen der Gewerkschaften und der SPD. Foto Walter Ballhause. Walter-Ballhause-Archiv, Plauen

Eines von vielen Gewerkschaftshäusern in Deutschland

Die Idee der Gewerkschaftshäuser ist aus der Not geboren. Während die deutsche Arbeiterbewegung vor dem Ersten Weltkrieg mächtig anwächst, werden ihren Versammlungen und Organisationen oft Räume verwehrt. Also gilt es, eigene Gewerkschafts- und Volksheime zu schaffen – bis zum Jahre 1922 entstehen sie in über einhundert deutschen Städten.

Aber in Hannover ist die Suche nach einem zentralen Baugrundstück nicht einfach. Der Kauf des städtischen Grundstücks an der Goseriede, auf dem wenig später das „Anzeiger-Hochhaus“ emporwächst, scheitert am Widerstand des nationalkonservativen Stadtdirektors Heinrich Tramm. Dafür kaufen die Gewerkschaften im Jahre 1909 ein großes Grundstück gegenüber mit Hilfe von zwei Brauereien als Strohmännern. Es liegt zwischen der Nikolaistraße (heute: Goseriede), der Odeonstraße und der Artilleriestraße (heute: Kurt-Schumacher-Straße).

Einweihung 1910

Das Hauptgebäude an der Nikolaistraße 7 kann schon im Oktober 1910 eingeweiht werden, bald darauf auch das Mittelgebäude sowie das Herbergsgebäude an der Odeonstraße. Bauträger sind die freien Gewerkschaften Hannovers und der Ortsverein der SPD.

Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg kommt ein großer, parallel verlaufender Gebäudekomplex hinzu: aus dem Saal- und Gaststättenbau des „Kriegerheim“ an der Nikolaistraße 10 wird das „Volksheim“ der Arbeiterbewegung mit einem Saal für bis zu 2.000 Personen.

Hauptfeindbild der Nazis

Die Gebäude bieten Platz für Verwaltungen vieler Einzelgewerkschaften und des Allgemeinen deutschen Gewerkschaftsbundes ADGB, für gewerkschaftliche Einrichtungen wie Arbeiterwohlfahrt und Volksfürsorge, Redaktion und Druckerei der sozialdemokratischen Zeitung „Volkswille“, Versammlungssäle und Bibliotheken, eine Volksbuchhandlung und das Fahrradhaus „Frischauf“, für Restaurant und Stehbierhalle, ein Hotel und eine einfache Herberge für durchreisende Arbeiter sowie einige Wohnungen.

Das Gewerkschaftshaus ist ein Symbol für die Macht der Arbeiterbewegung – und den Nationalsozialisten damit ein Dorn im Auge. In der braunen Presse Hannovers wird es „rote Mordzentrale“ und „Standquartier des organisierten Verbrechergesindels“ genannt. Bereits im Jahre 1932 verübt die SA zahlreiche Anschläge auf das Haus. Der erste organisierte Überfall auf das Gewerkschaftshaus geschieht am 16. Juni 1932. Männer des SA-Sturm 100 ziehen von ihrem Stammlokal „Kreuzklappe“ in der hannoverschen Altstadt zur Goseriede und versuchen vergeblich, in das Restaurant einzudringen.

Endgültige Besetzung

Am 1. April 1933 wird das Gewerkschaftshaus durch bewaffnete Truppen der SA und SS besetzt. Unter dem Vorwand, aus dem Gewerkschaftshaus sei geschossen worden, stürmen sie den Gebäudekomplex, durchsuchen alle Räume, werfen Gegenstände aus den Fenstern, verbrennen Fahnen der Gewerkschaftsbewegung auf dem Gehweg und hissen als Zeichen ihres Triumpfs die Hakenkreuzfahne. Das Geschehen wird heimlich vom Arbeiterfotografen Walter Ballhause fotografiert.

Wenig später zieht mit der “Deutschen Arbeitsfront (DAF)” die Pseudo-Gewerkschaft der Nazis in das Gewerkschaftshaus. In hannoveraner Adressbüchern nach 1933 heißt es “Haus der deutschen Arbeit”.

Legaler Kurs der SPD

Hitler ist zum Zeitpunkt der Erstürmung seit zwei Monaten Reichskanzler, die Polizei in der Hand der Nationalsozialisten, nach dem Reichstagsbrand vom 27. Februar 1933 sind zahlreiche Grundrechte der Weimarer Verfassung außer Kraft gesetzt worden.

Die etwa 60 Männer des sozialdemokratischen „Reichsbanner“ zum Schutz der Gebäude leisten keinerlei Widerstand. Ihre Partei hatte seit Monaten zu „Ruhe und Besonnenheit“ aufgerufen und jeden bewaffneten Widerstand ausgeschlossen. So wird die sozialdemokratische Arbeiterbewegung auch in Hannover ein Opfer ihres streng legalen Kurses – während die neuen Machthaber sich nur formal an die Gesetze halten, die sie real systematisch brechen.

Nach 1945

Welche Geschichte hatten das Gewerkschaftshaus und das “Volksheim” nach dem Krieg?

Das Grundstück des im Krieg zerstörten „Volksheim“ wird Anfang der 1950er Jahre von der SPD erworben und neu bebaut. Zwischen den Jahren 1957 und 1974 entsteht hier im „Pressehaus“ die „Hannoversche Presse“ als auflagenstarke Tageszeitung für Niedersachsen, ab 1971 als „Neue Hannoversche Presse”. In den Ostertagen 1968 ist nach dem Attentat auf den Studentenführer Rudi Dutschke auch in Hannover die lokale Ausgabe der „Bild“ blockiert – sie wird ebenfalls im Pressehaus gedruckt. Dabei gelingt das Kunststück, die Auslieferung der „Bild“ über Stunden zu verhindern, während die „Presse“ aus den Fenstern gereicht und – unter Kontrolle der Demonstranten – verladen wird. Die Blockade endet gegen Mitternacht des 12. April 1968 mit einer Straßenschlacht unter Einsatz von Wasserwerfern und Gummiknüppeln. Im Jahr 1972 trennt sich die SPD von der verlustreichen Tageszeitung, die in der Verlagsgesellschaft Madsack aufgeht und seit 1974 in Bemerode gedruckt wird, nach 1978 als Lokalzeitung „Neue Presse“. Der Gebäudekomplex an der Goseriede 10 geht 1982 an einen privaten Investor. Heute stehen hier die „Verdi-Höfe“.

Das Hauptgebäude des Gewerkschaftshauses wird nach dem Neubau am Klagesmarkt 1953 an den Textilunternehmer Konradt Tiedt verkauft. 1998 ist der Gebäudekomplex von einem Hamburger Unternehmer saniert und zum Geschäftshaus sowie Veranstaltungszentrum unter dem Namen “Tiedthof” umgebaut worden. Nur die hannoversche SPD bleibt dort, wo sie schon 1924-1933 und dann nach 1945 ihre Büros hatte: im Gebäudeteil Odeonstraße 15-16. Bis zum Umzug nach Bonn arbeitet hier der Parteivorstand der SPD unter Kurt Schumacher.

Text Altes_Gewerkschaftshaus (PDF)

Weitere Informationen online

LEMO Die Zerschlagung der Gewerkschaften
DGB Zerschlagung der Gewerkschaften 1933
“Der Spiegel”-Artikel vom 22. April 1968 zu den Springer-Blockaden u.a. in Hannover: Verlage Springer: Weint euch aus
DGB Region Niedersachsen-Mitte Thema Politik & Gesellschaft

Literatur Auswahl

Texte und Bildredaktion: Michael Pechel