Warenhäuser mit jüdischen Besitzern

Hannover verändert vor der Jahrhundertwende 1900 gründlich sein Gesicht, wird neben einer Industriestadt auch Einkaufsmetropole. Eine Folge davon ist der Bau von sechs Warenhäusern. Vier von ihnen werden von jüdischen Geschäftsleuten gegründet und zu großen Unternehmen ausgebaut – bis zur Wirtschaftskrise und der anschließenden Herrschaft der Nationalsozialisten.

Reklamemarken für das Modehaus Sternheim & Emanuel in Hannover, um 1910

Stadtwandel

Zwei enge Gassen der hannoverschen Altstadt werden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von Wohn- und Gewerbequartieren zu Einkaufsmeilen. Große Packhofstraße und Seilwinderstraße verwandeln sich in glitzernde, von Passanten gefüllte Geschäftsstraßen. Sie sind es noch heute. Auf der kurzen Strecke zwischen Georgstraße und Osterstraße werden innerhalb weniger Jahrzehnte fünf große Warenhäuser gebaut: die Konsumpaläste Bormaß, Sternheim & Emanuel, Elsbach & Frank, Molling sowie Sältzer. Nur das Warenhaus Karstadt steht von hier etwas entfernt jenseits der Georgstraße.

Ein neues Geschäftsmodell

Die industrielle Massenproduktion von Konsumgütern revolutioniert auch das Angebot und die Schaustellung von Waren: Einkaufen wird zum Erlebnis. Was heute selbstverständlich ist, war damals vollkommen neu: Spezialabteilungen für Kleidung, Porzellan, Wäsche, Lebensmittel und anderes unter einem Dach. Sie sind erstmals mit festen Preisen ausgezeichnet (bis dahin musste jeder Preis einzeln ausgehandelt werden). Eingeführt werden Umtauschrecht, intensive Reklame, aufwändige Schaufenstergestaltung, Lieferservices und eine Vielzahl von Aktionen – jahreszeitliche Sonderverkäufe wie im Weihnachtsgeschäft, Schlussverkäufe und mehr. Neuartige Stahlbetonkonstruktionen erlauben vielstöckige Gebäude, hohe und weite Stockwerke, große Fensterflächen, zentrale glasgedeckte Innenhöfe mit umlaufenden Galerien. Elektrizität leuchtet die Waren aus und erhellt die Straßen mit Außenwerbung, befördert die Menschen mit Aufzügen und Rolltreppen zwischen den Abteilungen.

Nach der Gleichstellung

Juden sind im Königreich Hannover erst nach dem Jahre 1848 zu allen Gewerben zugelassen, können in der Stadt wohnen und Grundstücke erwerben. Und sie ergreifen ihre neuen Chancen. Ein Beispiel: Die aus Hildesheim stammenden jüdischen Brüder Adolf und Max Molling ziehen 1856 bzw. 1861 nach Hannover. Der ältere Bruder Adolf gründet 1887 einen Verlag mit Druckerei in der hannoverschen Nordstadt, der bald zu den wichtigsten Deutschlands zählt. Max Molling beginnt seinen wirtschaftlichen Aufstieg 1862 mit einem Wäschegeschäft in der Calenberger Neustadt, zieht ein Jahr später in die Seilwinderstraße der Altstadt. Im Jahre 1903 kann er eines der schönsten Warenhäuser Hannovers im Jugendstil eröffnen.

Weitere jüdische Kaufleute bauen in diesem Bereich der Altstadt: Das 1886 in der Großen Packhofstraße gegründete Warenhaus Sternheim & Emanuel ist so erfolgreich, dass es zu besten Zeiten in 30 Spezialabteilungen über 300 Angestellte beschäftigt. 1889 eröffnet das Warenhaus Elsbach & Frank an der Ecke zur Osterstraße – sein schöner Neubau von 1910–1911 hat als einziger der alten Warenhäuser Hannovers den Bombenkrieg überstanden. 1899 gründet sich das Warenhaus Bormaß in der Großen Packhofstraße und wird 1905-08 mit einem Neubau im Jugendstil – laut Eigenwerbung – „Größtes Warenhaus der Provinz Hannover“.

Antisemitische Agitation

Schon im Januar 1929, am Vorabend der Weltwirtschaftskrise, wird in Hannover ein Flugblatt verbreitet, in dem Kauf- und Warenhäuser wie Sternheim & Emanuel, Molling, Elsbach & Frank, Bormaß als jüdische Raubinstitute benannt sind, die „schaffende Deutsche“ ausplündern. Diese Agitation ist nicht neu. Aber sie wird zunehmend aggressiver und nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 zur Staatspolitik. Die Wirtschaftskrise trifft die Warenhäuser Hannovers mit aller Härte. Zusätzlich schädigt antisemitische Agitation die Umsätze. Bormaß muss schon 1927 verkauft werden, Elsbach & Frank ist im Jahre 1933 insolvent. Noch vor dem ersten Boykott jüdischer Geschäfte und Freiberufler am 1. April 1933 fällt das Warenhaus Molling dem Terror von SA-Leuten zum Opfer: Sie verwüsten das gesamte Erdgeschoss mit Hämmern und Äxten. Die Besitzer entschließen sich wenig später, das gesamte Gebäude an ein nichtjüdisches Unternehmen zu vermieten. Die Inhaber von Sternheim & Emanuel verpachten ihr Kaufhaus im Jahre 1938. Zwischen den Jahren 1927 und 1938 wechseln alle vier großen Warenhäuser Hannovers in jüdischem Eigentum ihre Besitzer oder die Geschäftsleitung.

Novemberpogrom und Flucht

Die Inhaber des – inzwischen verpachteten – Warenhauses Sternheim & Emanuel erleben den Pogrom des 9./10. November 1938 in Hannover. Zeitzeugen berichten, dass die Türen der Wohnung des Ehepaars Sternheim von SA-Männern mit langen Äxten und Brecheisen aufgebrochen wurden: Louis Sternheim wird unmittelbar darauf in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt, um die Auswanderung der Familie zu erzwingen. Sie emigriert im folgenden Jahr in die Schweiz. Mit der Flucht fällt ihr sämtliches Vermögen automatisch an die Finanzkasse des Deutschen Reiches. Die Familie des Warenhaus-Mitinhabers Paul Steinberg emigriert 1938 nach Argentinien.

Das Warenhaus Molling wird inzwischen vom Ehemann einer Enkelin des Firmengründers, Fritz Gottschalk, geleitet. In der Pogromnacht entgeht die Wohnung der Zerstörung, aber Fritz Gottschalk wird am Morgen des 10. November verhaftet. Er kehrt nach drei Wochen traumatisiert und mit ausgeschlagenen Zähnen aus dem Konzentrationslager Buchenwald zurück. Es gelingt der Familie noch Ende Juli 1939, an rettende Visa für die Flucht nach England zu gelangen – wo sie nach Kriegsbeginn als „feindliche Ausländer“ interniert werden. Fritz Gottschalks Mutter bleibt in Hannover zurück und wird – im Alter von 93 Jahren – in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Dort stirbt sie bald. Ein Stolperstein in der Oststadt erinnert an sie.

Text Warenhäuser_Hannover (PDF)

Weitere Informationen online

Wikipedia-Beitrag: Warenhaus
Jüdische Geschichte und Kultur: Jüdische Kaufhäuser
LEMO Das Novemberpogrom 1938
Fritz Bauer Institut, Pädagogische Materialien: Dagi Knellessen, Novemberpogrome 1938 (hier als Download)

Literatur Auswahl

Texte und Bildredaktion: Michael Pechel