Klagesmarkt: Umkämpfter Versammlungsplatz

Am Ort des heutigen Klagesmarkt wurden im Mittelalter öffentliche Hinrichtungen vor dem Steintor und den Stadtmauern Hannovers vollzogen. Danach begann seine bis heute bestehende Geschichte als Handelsplatz: Einer der größten Pferdemärkte Europas, und seit dem 19. Jahrhundert Markt für Topf- und Porzellanwaren („Pöttemarkt“) und täglicher Obst- und Gemüsemarkt.

Uniformierte Nationalsozialisten marschieren nach Besetzung des Gewerkschaftshauses über den Klagesmarkt in Richtung Nordstadt, 1. April 1933. Foto von Walter Ballhause. Walter Ballhause Archiv, Plauen
Uniformierte Nationalsozialisten marschieren nach Besetzung des Gewerkschaftshauses über den Klagesmarkt in Richtung Nordstadt, 1. April 1933. Foto von Walter Ballhause. Walter Ballhause Archiv, Plauen

Platz für Aufmärsche

Doch die große öffentliche Fläche ist nicht nur Marktplatz. Nur wenige Meter von der Redaktion und Druckerei der sozialdemokratischen Zeitung „Volkswillen“ im Gewerkschaftshaus entfernt und mit dem Parteihaus der Kommunistischen Partei Deutschlands KPD am Klagesmarkt 21, dient der Platz traditionell für Kundgebungen und als Startpunkt für Aufmärsche der Arbeiterbewegung.

Protest gegen Hitler

Am 31. Januar 1933, einen Tag nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler, versammeln sich hier 3.000 Kommunisten zum Protest und ziehen anschließend durch die Stadt. Zu einem symbolträchtigen Tag wird der 19. Februar 1933. In Hannover ist kurz zuvor ein Nationalsozialist als Polizeipräsident eingesetzt worden. An diesem Tag zeigen die neuen Machthaber ihre Stärke: Uniformierte Truppen von SS, SA und Hitlerjugend marschieren vom Klagesmarkt aus mit Marschmusik das erste Mal über die Ihme-Brücke und durch das „rote Linden“. Nachmittags erfolgt am gleichen Ort eine Gegenkundgebung durch 45.000 Anhänger der Republik: „Zeigt der Reaktion, daß Hannover rot bleibt“ ist trotzig auf Flugblättern der SPD zu lesen. Rund 30.000 Demonstranten ziehen anschließend durch die bürgerliche Südstadt.

Brauner Terror

Zwei Tage später werden am „Lister Turm“ zwei Sozialdemokraten von SA-Männern aus dem Hinterhalt erschossen, zehn Tage später erscheint Hannovers SPD-Zeitung „Vorwärts“ zum letzten Mal. Die in einem Hinterhaus am Klagesmarkt gedruckte „Neue Arbeiter- Zeitung“ der KPD ist bereits verboten worden. Nach dem Brand des Berliner Reichtags am 27. Februar finden auch in Hannover Massenverhaftungen statt, am 1. April werden die Gewerkschaftshäuser besetzt. Das „rote Hannover“ gehört, bis auf kleine Inseln illegalen Widerstands, der Vergangenheit an.

“Judenfrei”

Die am 1. April 1933 beginnenden Boykottaktionen gegen das jüdische Geschäftsleben haben auch Auswirkungen auf den Klagesmarkt: Ende Juni 1933 werden auf Magistratsbeschluss alle jüdischen Händler von den Jahrmärkten der Stadt ausgeschlossen; sie werden – in den Worten des Regimes – „judenfrei“. Und die Gewalt geht weiter. Im September 1941 wird ein Wohnhaus in jüdischem Privatbesitz an der Ecke Klagesmarkt und Otto-Brenner-Straße (damals Josephstraße) zwangsweise zu einem der 16 „Judenhäuser“ Hannovers. Rund 80 Menschen müssen hier leben.

Auch dieses „Judenhaus“ liegt nahe der Innenstadt und ist ein bevorzugtes Ziel nächtlicher Razzien. In Nachkriegsprozessen gegen hannoversche Gestapo-Beamte wird es immer wieder als Ort der schwersten Misshandlungen genannt. Die Mehrzahl der Zwangsbewohner wird bereits im Dezember 1941 nach Riga in den Tod deportiert.

Tiefbunker unter dem Platz

Hannover als ein Zentrum der Rüstungsindustrie gehört zu den norddeutschen Großstädten, in denen seit dem Herbst 1940 Luftschutzbunker für den Zivilschutz gebaut werden – erst ein Jahr nach Kriegsbeginn. Der Bunker unter dem Klagesmarkt gehört zu sechs Tiefbunkern in Hannover. Dafür werden französische und belgische Kriegsgefangene als Zwangsarbeiter eingesetzt.

Im Gegensatz zu den umgebenden Wohnhäusern übersteht der Bunker den Krieg unzerstört. Aber vor seinen Eingängen spielen sich nach Luftalarmen schreckliche Szenen ab. In Panik werden Schutzsuchende verletzt oder zu Tode getrampelt – allein im Juli 1944 sterben auf den Treppen vor den Bunkereingängen höchstwahrscheinlich 28 Menschen, darunter sechs Kinder.

Angesichts der Wohnungsnot in der Nachkriegszeit finden sich schnell Möglichkeiten der Umnutzung. Seit der ersten Exportmesse in Hannover-Laatzen 1947 ist der Bunker von der Stadt an einen Pächter vergeben, der hier ein unterirdisches Hotel betreibt – immerhin bis zum Jahr 1963. Danach steht der Bunker leer, wird aber nach Bau der Berliner Mauer 1961 und der Kubakrise 1962 auf seine Wiederverwendbarkeit als Atombunker untersucht. Daraus wird zum Glück nichts. Kurz zieht wieder Leben in den Betonkoloss, als unter Regie des „Flohmarktdirektors“ Reinhard Schamuhn von 1969 bis 1973 das “Kunst-Center Hannover” mit Ateliers und Studios, Übungsräumen für Musiker, einer Theaterbühne und einem Teestübchen eröffnet.

Zentraler Treffpunkt am 1. Mai

Der Klagesmarkt hat mit Eröffnung der Markthallen am Tönniesberg in den 1950er Jahren seine angestammte Funktion als Großmarkt verloren. Es bleibt lediglich bei einem Wochenmarkt auf dem nördlichen Teil gegenüber der Christuskirche und gelegentlichen Pöttemärkten und Kirmesveranstaltungen auf dem südlichen Teil, der ansonsten als öde Parkfläche für Autos dient. Doch die Funktion dieser innenstadtnahen Großfläche für Aufmärsche und Demonstrationen bleibt erhalten. Hier findet am 31. März 1979 mit etwa 100.000 Teilnehmern die bis dahin größte Anti-Atom-Demonstration und bis heute größte Demonstration Niedersachsens statt – Abschlusskundgebung des eine Woche zuvor im Wendland gestarteten Gorleben-Trecks mit rund 500 Traktoren.

Bereits 1953 ist am Südende des Platzes, an der heutigen Otto-Brenner-Straße, das Hochhaus des Deutschen Gewerkschaftsbundes DGB eingeweiht worden. Jahrzehntelang treffen zu seinen Füßen, auf dem Klagesmarkt, zum “Tag der Arbeit” am 1. Mai die dezentralen Demonstrationszüge zusammen. Mit Ansprachen, Musikbühnen, Bierzelten und Ständen von zivilgesellschaftlichen Initiativen ist das Maifest auf dem Klagesmarkt eine Institution.

Damit ist im Jahre 2013 Schluss. Das Maifest muss auf den Trammplatz vor dem Neuen Rathaus umziehen. Nach einem städtebaulichen Wettbewerb werden 2014-16 auf der ehemaligen Parkplatzfläche eine Tiefgarage und darüber mehrere Wohn- und Geschäftsgebäude errichtet. Vorher war der Luftschutzbunker abgerissen worden. Als Trost und zur Erinnerung an den ehemaligen Platz informiert seitdem eine Stadttafel in Wort und Bild über seine Geschichte.

TextKlagesmarkt_Hannover (PDF)

Weitere Informationen online

Städtische Erinnerungskultur Informations- und Erinnerungstafeln zum Download
Wikipedia-Beitrag Klagesmarkt
Geschichte des Tiefbunkers unter dem Klagesmarkt (PDF)
HAZ-Bildergalerie Klagesmarktbunker: Vom Bau bis zum Abbriss
IG Metall Hannover Friedensarbeit in Hannover

Literatur Auswahl

Texte und Bildredaktion: Michael Pechel