Geehrt als “Gerechter unter den Völkern”

Walter Krämer (1892–1941) gerät als kommunistischer Politiker schon kurz nach der Machtübertragung in die Fänge der Nationalsozialisten – die ihn nicht mehr loslassen. Als Funktionshäftling im Konzentrationslager Buchenwald macht er sich in einem Maße um seine Mithäftlinge verdient, dass ihn die israelische Gedenkstätte Yad Vachem posthum als “Gerechten unter den Völkern” ehrt.

Briefmarke der Siegener „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten“ für Walter Krämer, 2017
Briefmarke der Siegener „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten“ für Walter Krämer, 2017

Parteikarrriere

Der in Siegen geborene Walter Krämer lernt Schlosser und meldet sich 1910 als Freiwilliger zur Kriegsmarine. Er dient dort während des gesamten Ersten Weltkriegs; angesichts der aussichtslosen militärischen Lage schließt er sich 1918 den revolutionären Matrosenaufständen an. Sein politischer Weg verläuft weiter links. Stationen sind 1919 die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands USPD als Linksabspaltung von der Sozialdemokratie, 1920 die Beteiligung an den Ruhrkämpfen gegen den reaktionären Kapp-Putsch, 1921 der Übertritt in die Kommunistische Partei Deutschlands KPD. Dort beginnt Krämer eine Karriere, die ihn als Abgeordneten bis in den Preußischen Landtag in Berlin führt. Nach Stationen im Siegerland, Ruhrgebiet und in Hessen wird er im Mai 1932 von der Partei als politischer Sekretär nach Hannover versetzt. Damit ist er der letzte legale KPD-Chef im Gebiet des heutigen Niedersachsen. Mit Wohnsitz gemeldet ist er im Sitz des Bezirksbüros der KPD in der Heiligerstraße 16 – deshalb wird dort 2012 der Stolperstein zu seinem Andenken gesetzt.

Verhaftung und Konzentrationslager

Wer auch immer den Berliner Reichstag in der Nacht vom 27. auf den 28. Februar 1933 in Brand gesetzt hat – die Spitze der Nationalsozialistischen Partei nutzt sofort die Gelegenheit zum Schlag gegen die politische Linke. Am Folgetag setzt eine Verordnung des Reichspräsidenten (“Reichstagsbrandverordnung”) die Grundrechte der Weimarer Verfassung außer Kraft. Wie in ganz Deutschland werden auch in Hannover zuerst die Funktionäre und Aktivisten der KPD verhaftet, in Hannover bis Anfang März 140 Personen. Walter Krämer wird bereits in der Nacht des Reichstagsbrandes in der Ricklinger Straße verhaftet und in das Gerichtsgefängnis hinter dem Bahnhof eingeliefert. Der Berliner Volksgerichtshof verurteilt ihn ein Jahr später wegen “Hochverrat” zu dreieinhalb Jahren Gefängnis. Nachdem Walter Krämer seine Haft im Strafgefängnis Hameln und anschließend wieder im Gerichtsgefängnis Hannover verbüßt hat, kommt er nicht etwa frei: Am Gefängnisausgang steht bereits die Gestapo bereit, um ihn zur “Schutzhaft” entgegenzunehmen. Dieses seit dem Februar 1933 übliche Verfahren füllt die Konzentrationslager mit Regimegegnern. Die Leidensstationen Krämers sind 1937 das KZ Lichtenburg bei Torgau und das soeben errichtete KZ Buchenwald bei Weimar.

Kapo des Häftlingskrankenbau

Im Konzentrationslager auf dem Ettersberg und seinen zeitweilig 139 Außenlagern sind insgesamt fast 280.000 Menschen aus ganz Europa inhaftiert. Am Ende des Krieges ist Buchenwald das größte KZ im Deutschen Reich. In allen Lagern überträgt die SS die interne Organisation sogenannten Funktionshäftlingen (“Kapos”). Das aus politischen Gefangenen gebildete, illegale Internationale Lagerkomitee Buchenwald versucht, zentrale Stellen wie die Schreibstube, die Arbeitsstatistik oder das Häftlingskrankenhaus mit eigenen Leuten zu besetzen: Schutzräume vor dem Terror der SS und zur Untergrundarbeit. Walter Krämer wird “Kapo” im Krankenblock. Er organisiert die Krankenversorgung neu und führt – ursprünglich medizinischer Laie – selber erfolgreich Operationen durch. Er rettet tbc-kranke sowjetische Kriegsgefangene vor dem sicheren Tod und erreicht die Schließung eines Sonderlagers für meist staatenlose Juden aus Wien und den besetzten Ostgebieten mit dem Hinweis auf Seuchengefahr.

Tod und Ehrung

Die illegalen Strukturen der politischen Häftlinge bleiben der SS nicht verborgen. Die Lager-Gestapo führt Krämers Akte mit dem Vermerk: „Darf nicht entlassen werden!“ Anfang November 1941 wird er zuerst im “Bunker” inhaftiert und dann in das Buchenwalder Außenlager Goslar-Hahndorf gebracht. SS-Wachen erschießen ihn hier am Vormittag des 6. November „auf der Flucht“ – der übliche Tarnausdruck für Mord. Seine Witwe erhält von der KZ-Verwaltung eine Urne mit seiner Asche, die im November 1941 in Siegen beigesetzt wird.

Bereits 1946 würdigt der Mithäftling und Publizist Eugen Kogon in seinem Buch “Der SS-Staat” das mutige Handeln Walter Krämers. In der DDR macht ihn besonders Bruno Apitz Buchenwald-Roman “Nackt unter Wölfen” als “Arzt von Buchenwald” bekannt. 1999 wird Krämer wegen der Rettung jüdischer Mithäftlinge posthum von der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem mit dem Titel “Gerechter unter den Völkern” ausgezeichnet. An der Feierstunde in Siegen durch den israelischen Botschafter am 11. April 2000, dem 55. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald, nehmen mehr als 400 Personen teil. Aber das Gedenken in seiner Heimatstadt gestaltet sich lange schwierig, zu viele Vorbehalte gibt es auf konservativer Seite gegen den ehemaligen kommunistischen Funktionär, dessen Partei an der Zerstörung der Weimarer Republik beteiligt war. Noch 2007 scheitert ein Bürgerantrag, die nach einem führenden politischen Antisemiten benannte Adolf-Stöcker-Straße in Walter-Krämer-Straße umzubenennen. 2012 schließlich beschließt der Rat der Stadt Siegen mehrheitlich, den Platz vor dem Haupteingang des Kreisklinikums “Walter-Krämer-Platz” zu nennen. 2016 wird dort eine Porträt-Stele für ihn aufgestellt.

Text Stolperstein_Walter_Krämer (PDF)

Weitere Informationen online

Wikipedia-Beitrag Walter Krämer
Arbeitskreis NS-Gedenkstätten NRW Walter Krämer
BpB Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft
Wikipedia-Beitrag Funktionshäftling
Yad Vashem Internationale Holocaust Gedenkstätte Die Gerechten unter den Völkern
Städtische Erinnerungskultur Verlegte Stolpersteine in Hannover
Städtische Erinnerungskultur Karte verlegter Stolpersteine im Stadtgebiet Hannovers

Literatur Auswahl

Texte und Bildredaktion: Michael Pechel