Raubgut in der Stadtbibliothek Hannover

Nicht nur Kunstgegenstände, auch einzelne Bücher oder ganze Privatbibliotheken gelangten als „NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut“ in den Besitz der Archive, Museen und Bibliotheken – darunter auch die Stadtbibliothek Hannover. Diese bemüht sich intensiv und nach den Kriterien der 1998 beschlossenen „Washingtoner Prinzipien“ in Bezug auf Kunstwerke, die von den Nationalsozialisten beschlagnahmt wurden, ihre Bestände zu untersuchen und Raubgut an die rechtmäßigen Eigentümer bzw. ihre Erben zurückzugeben – oft eine wahre Detektivarbeit.

Herkunftsanzeigende Spuren: Exlibris H.[?] Braunsberg; Stempel Johannis-Loge zum Neuen Tempel Braunschweig; Stempel Friedrich Bartens (Eimsen); Exlibris Dr. Johanna Maass. Fotoarchiv Stadtbibliothek Hannover
Herkunftsanzeigende Spuren: Exlibris H.[?] Braunsberg; Stempel Johannis-Loge zum Neuen Tempel Braunschweig; Stempel Friedrich Bartens (Eimsen); Exlibris Dr. Johanna Maass. Fotoarchiv Stadtbibliothek Hannover

Das Gebäude

Der Gebäudekomplex – Stadtbibliothek, Werkstatt der städtischen Bühnen und Wohngebäude an der Maschstraße – wird nach Plänen von Stadtbaurat Karl Elkart und Architekt Hans Bettex 1929 bis 1931 als spätes Beispiel des „Backstein-Expressionismus“ gebaut (wenige Jahre später leiten beide die NS-Altstadtsanierung um den Ballhof). Der zehnstöckige Bibliotheksturm mit Front zur Hildesheimer Straße ist das erste Bibliothekshochhaus in Europa. Das Gebäude wird im Oktober 1943 schwer durch Bomben getroffen, große Teile der Buchbestände verbrennen. Da beim selben Angriff die nahe Leitstelle der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) Hannover ausbrennt, zieht diese nach einem Zwischenaufenthalt in der List in das Bibliotheksgebäude. Von hier führt sie die letzte Deportation jüdischer Frauen und Männer noch im Februar 1945 durch. 1948 wird die Bibliothek provisorisch wiedereröffnet, zwischen 1955 und 2003 erfolgen mehrere Umbauten und Erweiterungen.

„als antiquarische Käufe günstig“…

Auch die Stadtbibliothek profitiert von der Beraubung der Jüdinnen und Juden vor und nach ihrer Deportation – in der Sprache der Finanzverwaltung „Verwertung von Judengut“. Nach der Deportation des Unternehmer- und Sammlerehepaars Gustav und Therese Rüdenberg im Dezember 1941 in das Ghetto Riga bietet der Oberfinanzpräsident deren hochwertige Büchersammlung samt Regalen der Bibliothek zum Ankauf an. Die Kunstsammlung des Ehepaars ist bereits „zur Verwertung“ im Kestner-Museum eingelagert.

Nur ein gutes Drittel der ursprünglich 426 von der Stadtbibliothek angekauften Bücher übersteht den Krieg. Gustav und Therese Rüdenberg sterben unter ungeklärten Umständen im Holocaust und werden nach 1945 für tot erklärt. Als ihre Erben die Rückgabe (Restitution) beantragen, beginnt unter Einsatz des städtischen Rechtsamts ein längeres Tauziehen um die Bücher, die „als antiquarische Käufe günstig waren“ – so Bibliotheksdirektor Friedrich Busch (StB-Direktor 1927 bis 1956) ohne Unrechtsbewusstsein. Als die Erben auf Rückgabe der Bücher als den letzten materiellen Spuren ihrer ermordeten Familienangehörigen beharren, wird die Restsammlung ihnen im Jahre 1950 endlich ausgehändigt.

Raubgut aus dem NSDAP-Gauarchiv

Freimaurerlogen sind in den Augen der Nationalsozialisten eine Tarnorganisation des „Weltjudentums“. In ihr beschlagnahmtes Logenhaus in der Herrenstraße zieht nach 1933 das Archiv des „NSDAP-Gaus“ Südhannover-Braunschweig mit zahlreichen Sammlungen: Akten der Partei mit Plakat-, Zeitungs- und Bildersammlungen, aber auch als „Feindarchiv“ beschlagnahmte Symbole, Gegenstände und Archive der politischen Gegner der Nationalsozialisten. Nicht zuletzt gehört zum Parteiarchiv eine umfangreiche Bibliothek von mehr als 30.000 Publikationen. Ein großer Teil davon stellt Raubgut dar: von der Geheimen Staatspolizei Gestapo beschlagnahmtes Eigentum rassisch und politisch Verfolgter. Im Jahr 1937 gründet die Partei im beschlagnahmten Logenhaus ein „Logenmuseum“, das zentral für Nordwestdeutschland über die gefährlichen Umtriebe der Freimaurerei „aufklären“ soll. Und 1939 wird ein Teil des Archivbestandes in das neue „Parteimuseum“ in Hannover-List ausgegliedert.

Die Villa Sternheim wird „Parteimuseum“

Bis zum April 1933 lebt der jüdische Arzt Dr. Ludwig Sternheim mit seiner Familie in der schönen Villa Ecke Waldstraße/Walderseestraße am Rand der Eilenriede; hier praktiziert er, hier verfasst er zahlreiche Bücher zu alternativer Medizin und gesunder Lebensweise. Dann flüchtet die Familie in die Niederlande. Das Haus wird von der Stadt erworben und 1935 der Hitlerjugend zur Verfügung gestellt. 1939 eröffnet der stellvertretende Gauleiter Kurt Schmalz im Haus ein „Partei-Museum Niedersachsen“ und widmet es dem „Führer“ – Anlass ist der 50. Geburtstag Adolf Hitlers. Das Museum stellt insbesondere Schaustücke aus der „Kampfzeit“ der Nazi-Partei aus, um sie propagandistisch aufzuwerten, viele Schulklassen werden schaudernd an pazifistischen oder kommunistischen Schriften oder Büchern jüdischer Schriftsteller vorbeigeführt.

Angesichts des verstärkten Bombenkriegs werden Gauarchiv und -museum im Jahre 1943 geschlossen und ihre Bestände nach Lauenstein am Ith ausgelagert. Familie Sternheim kann in den besetzten Niederlanden im Versteck überleben, kehrt aber nicht nach Deutschland zurück. 2002 richtet die Freikirchliche Gemeinde Hannover ein Kinder- und Jugendhaus in der Villa ein und erinnert mit einer Informationstafel an die Geschichte ihrer jüdischen Vorbesitzer.

Vom Ith in die Stadtbibliothek Hannover: „Bestand Lauenstein“

Das Kriegsende erleben die ausgelagerten Bestände des NSDAP-Gauarchivs und -museums in Lauenstein am Ith. Nach Plünderungen werden sie dem Staatsarchiv Hannover übertragen, das sich die besten Stücke daraus sichert und den Rest der Stadtbibliothek Hannover anbietet. Die Übernahme in deren Bestände geschieht recht freihändig und ohne Aufstellung von Verzeichnissen. Auf Anfragen höherer Stellen nach dem „Verbleib der NSDAP-Gaubücherei“ antwortet Bibliotheksdirektor Busch im Juni 1951, dass insgesamt knapp 5000 Bände übernommen worden seien, dazu kämen noch 17 laufende Meter politischer Broschüren. In den Zugangsbüchern der Stadtbibliothek aus den Nachkriegsjahren ist die (Verfolgungs-)Geschichte dieser Bücher gelöscht: Als Bezugsquellen werden neutral „Staatsarchiv Hannover“ oder „Bestand Lauenstein“ genannt. Bei direkten Büchergeschenken der Geheimen Staatspolizei an die Stadtbibliothek wird allerdings als Bezug „Gestapo“ notiert, und das teilweise auch noch Monate nach dem Ende des NS-Regimes im Mai 1945.

Ein Teil des „Bestand Lauenstein“, rund 1500 Bücher und (politische) Broschüren, gelangt im Jahre 1985 aus der Stadtbibliothek in das Stadtarchiv Hannover. Unter ihnen ist ein Referentenführer als „Anleitung für sozialistische Redner“ aus dem Besitz von Franz Nause, der als verurteiltes Mitglied der Hannoverschen Widerstandsgruppe „Sozialistische Front“ im Jahre 1943 in der Haft verstarb.

Spurensuche, Provenienzrecherche, Ziel Restitution

Von August 2017 bis Oktober 2020 wurden im Rahmen des vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderten Forschungsprojekts raubgutverdächtige Bestände untersucht, die in der frühen Nachkriegszeit (1945 bis 1955) mit insgesamt 96.363 Inventarnummern in die Stadtbibliothek gelangt sind. In einem im Oktober 2020 gestarteten Folgeprojekt werden die Zugänge aus der NS-Zeit selbst (1933 bis 1945) auf verfolgungsbedingt entzogene Werke hin geprüft.

Dazu werden Bücher einzeln auf Spuren ihrer Vorbesitzer wie handschriftliche Einträge, Stempel, Exlibris o.ä. untersucht. Bei einem positiven Befund schließen sich weitere Fragen an: Gibt es Hinweise zur NS-Verfolgung dieser Person, wie gelangte diese Buch in die Bestände der Stadtbibliothek, sind rechtmäßige Erben zu ermitteln? Denn Ziel des Projekts ist außer Aufklärung der Verfolgungsgeschichte ein später Akt der Gerechtigkeit: Die Restitution der als Raubgut identifizierten Bücher an die rechtmäßigen Eigentümer oder deren Erben, soweit sie ermittelbar sind.

Text Raubgut in der Stadtbibliothek Hannover (PDF)

Weitere Informationen online

hannover.de Provenienzforschung zur städtischen Kunstsammlung
hannover.de Stadtarchiv Provenienzforschung der Landeshauptstadt Hannover
hannover.de Stadtbibliothek Provenienzforschung: Suche nach NS-Raubgut im historischen Bestand der Stadtbibliothek
Jenka Fuchs, M.A. / Dr. Carola Schelle-Wolff NS-Raubgut-Forschungsprojekt Zweifelhafte Provenienzen im Bestand der Stadtbibliothek Hannover
Jenka Fuchs Spurensuche in der Stadtbibliothek Hannover. Forschungen zu NS-Raubgut in Erwerbungen nach 1945. O-Bib 6 (2/2019)
looted cultural assets NSDAP-Gauarchiv und -museum Südhannover-Braunschweig
Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde Hannover Walderseestraße Villa Sternheim

Literatur Auswahl

Texte und Bildredaktion: Michael Pechel