Polizeipräsidium Hardenbergstraße

 

Ort der Verfolgung: In dem 1903 eingeweihten Gebäude des Polizeipräsidiums war zu Beginn der NS-Herrschaft neben der Kriminalpolizei auch die Geheime Staatspolizei Gestapo Hannover untergebracht. In das angegliederte Polizeigefängnis wurden auch Gegner des NS-Regimes sowie rassisch Verfolgte gesperrt. Dieser Zellenblock ist nahezu unverändert erhalten.

Historisches Hauptgebäude der Polizeidirektion Hannover, 1903 als Königlich Preußisches Polizeipräsidium errichtet. Foto von Christian A. Schröder (ChristianSchd), 2015. Wikimedia Commons
Historisches Hauptgebäude der Polizeidirektion Hannover, 1903 als Königlich Preußisches Polizeipräsidium errichtet. Foto von Christian A. Schröder (ChristianSchd), 2015. Wikimedia Commons

Neugründung Gestapo

Wenige Tage nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten Ende Januar 1933 muss der sozialdemokratische Polizeipräsident Hannovers sein Büro für den SA-Führer Victor Lutze räumen. Seit Ende April dieses Jahres arbeitet in dem großen Gebäude eine Dienststelle der neu errichteten Berliner Geheimen Staatspolizei. Sie ist als Leitstelle zuständig für die Regierungsbezirke Hannover und Hildesheim, also ein weites Gebiet zwischen Göttingen und Nienburg an der Weser.

Während der Festigung der NS-Diktatur richten sich die Gewaltmaßnahmen der Gestapo in erster Linie gegen den politischen Gegner: Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter. Eines von vielen Beispielen: Am 5. November 1933 wird Kurt Willkomm verhaftet, ehemaliges Mitglied der KPD-Bezirksleitung Hannover. Elf Tage nach Haftbeginn stirbt der Häftling nach Misshandlungen durch Gestapo-Beamte.

Die Gestapo kann selbständig verhaften und verhören, Gefangene zur „Schutzhaft“ in Konzentrationslager einweisen, ohne dass es dagegen Rechtsmittel gibt. Sie unterhält eigene Lager („Arbeitserziehungslager“), in denen sie auch Todesurteile vollstreckt.

Ausweitung der Aufgaben

Die Maßnahmen der Gestapo weiten sich danach aus auf Gruppen, die aus der „Volksgemeinschaft“ ausgeschlossen werden sollen – in erster Linie auf die Verfolgung der deutschen Juden. Nach der Pogromnacht des Jahres 1938 überstellt sie deutschlandweit 30.000 jüdische Männer in Konzentrationslager. Während des Krieges wird zur Hauptaufgabe die Überwachung ausländischer Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen. Sie waren zu Zehntausenden nach Hannover verschleppt worden.

Seit dem Jahre 1936 arbeitet die Gestapo-Leitstelle in einem eigenen Gebäude in der hannoverschen Südstadt, doch das Gefängnis des Polizeipräsidiums nutzt sie weiter: Ein Anhänger der verbotenen Zeugen Jehova, Adam Sewenig, wird im Dezember 1936 in das Polizeigefängnis gebracht und während der Haft schwer gefoltert. Er überlebt, verliert aber seinen Verstand und wird später Opfer der NS-Krankenmorde. Wegen ständiger Überfüllung dieses Gefängnisses richtet die Gestapo im Jahre 1944 zusätzlich ein eigenes „Polizei-Ersatzgefängnis“ auf dem Gelände der Israelitischen Gartenbauschule Ahlem ein.

Verschmelzung

Politische Polizei (Gestapo) und Kriminalpolizei (Kripo) verschmelzen zunehmend. Gestapo und Kripo werden zur Sicherheitspolizei (Sipo) zusammengefasst. 1939 wird die Sicherheitspolizei mit dem Sicherheitsdienst (SD) der parteieigenen SS zusammengelegt. Als „Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei“ herrscht nun Heinrich Himmler über diesen Apparat.

Im Krieg

Nach dem Überfall auf die Sowjetunion 1941 sind Gestapo und Kripo gleichermaßen am Rassen- und Weltanschauungskrieg beteiligt. Ihre Beamten sind in Polizeibataillonen und als Einsatzgruppen im Vernichtungskrieg gegen die jüdische Zivilbevölkerung aktiv. Das Polizeibataillon 111 mit dem Heimatstandort Hannover nimmt maßgeblich an Kriegsverbrechen teil.

„Zigeuner-Zentrale“

Die Zuständigkeit für die Überwachung der Sinti und Roma war schon in Kaiserreich und Weimarer Republik bei der Kriminalpolizei angesiedelt. Der NS-Staat ändert daran nichts. Ihre Deportationen in die Vernichtungslager Osteuropas werden auch in Hannover nicht von der Gestapo, sondern der Kriminalpolizei organisiert. Der Präsident des Deutschen Fußballbundes DFB (1925-1940) und ab Herbst 1939 Leiter der Kriminalpolizeileitstelle Hannover, Felix Linnemann, ist regional für die Erfassung der Sinti und Roma zuständig.

Im Juli 1942 wird der Boxer Johann „Rukeli“ Trollmann in seinem Elternhaus im Tiefental (heute Johann-Trollmann-Weg) verhaftet. Als seine Brüder ihn im Polizeipräsidium wiedersehen, erkennen sie das Gesicht des Misshandelten kaum wieder. Ende Oktober 1942 wird der Sinto in das KZ Neuengamme überstellt und später im Außenlager Wittenberge ermordet.

Eine Informationstafel der städtischen Erinnerungskultur erinnert in der Hardenbergstraße an die Geschichte des Gebäudes.

Text Polizeipräsidium_Hannover (PDF)

Weitere Informationen online

zukunft-braucht-erinnerung Die deutsche Polizei im Nationalsozialismus
Hans-Dieter Schmid „Standrechtliche“ Erschießung eines Gestapobeamten und andere Beiträge in: 75 Tage Gewalt, Mord, Befreiung. Das Kriegsende in Niedersachsen
Wikipedia-Beitrag Polizeibataillon 111
bpb NS-Verfolgung von “Zigeunern” und “Wiedergutmachung” nach 1945
Städtische Erinnerungskultur Informations- und Erinnerungstafeln zum Download

Literatur Auswahl

Texte und Bildredaktion: Michael Pechel