Klagesmarkt: Versammlungsplatz der hannoverschen Arbeiterbewegung

Lange Tradition als Marktplatz
Am Ort des heutigen Klagesmarkt wurden im Mittelalter öffentliche Hinrichtungen vor dem Stadtmauern Hannovers vollzogen. Danach begann seine bis heute bestehende Geschichte als Handelsplatz: Einer der größten Pferdemärkte Europas, und seit dem 19. Jahrhundert Markt für Topf- und Porzellanwaren („Pöttemarkt“) und täglicher Obst- und Gemüsemarkt.

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Klagesmarkt: Versammlungsplatz 52.378520, 9.730217 Hier traf man sich für Kundgebungen und Demonstrationen. Mehr lesen... (Routenplaner)

Platz für Aufmärsche

Doch die große öffentliche Fläche war nicht nur Marktplatz. Nur wenige Meter von der Redaktion und Druckerei der sozialdemokratischen Zeitung „Volkswillen“ im Gewerkschaftshaus entfernt und mit dem Parteihaus der Kommunistischen Partei Deutschlands KPD am Klagesmarkt 21, diente der Platz traditionell für Kundgebungen und als Startpunkt für Aufmärsche der Arbeiterbewegung.

Protest gegen Hitler

Am 31. Januar 1933, einen Tag nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler, versammelten sich hier 3.000 Kommunisten zum Protest und zogen anschließend durch die Stadt.

Arbeiterbewegung gegen Nazis

Zu einem symbolträchtigen Tag wurde der 19. Februar 1933. In Hannover war kurz zuvor ein Nationalsozialist als Polizeipräsident eingesetzt worden. An diesem Tag zeigten die neuen Machthaber ihre Stärke: Uniformierte Truppen von SS, SA und Hitlerjugend zogen vom Klagesmarkt aus und mit Marschmusik das erste Mal über die Ihme-Brücke und durch das „rote Linden“. Nachmittags erfolgte am gleichen Ort eine Gegenkundgebung durch 45.000 Anhänger der Republik: „Zeigt der Reaktion, daß Hannover rot bleibt“, war trotzig auf Flugblättern der SPD zu lesen. Rund 30.000 Demonstranten zogen anschließend durch die bürgerliche Südstadt.

Brauner Terror

Zwei Tage später wurden am „Lister Turm“ zwei Sozialdemokraten von SA-Männern aus dem Hinterhalt erschossen, zehn Tage später erschien Hannovers SPD-Zeitung „Vorwärts“ zum letzten Mal. Die in einem Hinterhaus am Klagesmarkt gedruckte „Neue Arbeiter- Zeitung“ der KPD war bereits verboten worden. Nach dem Brand des Berliner Reichtags am 27. Februar fanden auch in Hannover Massenverhaftungen statt, am 1. April wurden die Gewerkschaftshäuser besetzt. Das „rote Hannover“ gehörte, bis auf kleine Inseln illegalen Widerstands, der Vergangenheit an.

„Judenfrei“

Die am 1. April 1933 beginnenden Boykottaktionen gegen das jüdische Geschäftsleben hatten auch Auswirkungen auf den Klagesmarkt: Ende Juni 1933 wurden auf Magistratsbeschluss alle jüdischen Händler von den Jahrmärkten der Stadt ausgeschlossen; sie wurden – in den Worten des Regimes – „judenfrei“. Und die Gewalt ging weiter. Im September 1941 wurde ein Wohnhaus in jüdischem Privatbesitz an der Ecke Klagesmarkt und Otto-Brenner-Straße (damals Josephstraße) zwangsweise zu einem der 16 „Judenhäuser“ Hannovers. Rund 80 Menschen mussten hier leben.

Auch dieses „Judenhaus“ lag nahe der Innenstadt und war ein bevorzugtes Ziel nächtlicher Razzien. In Nachkriegsprozessen gegen hannoversche Gestapo-Beamte wurde es immer wieder als Ort der schwersten Misshandlungen genannt. Die Mehrzahl der Zangsbewohner wurde bereits mit der ersten Deportation im Dezember 1941 nach Riga in den Tod transportiert.

 

Tiefbunker unter dem Klagesmarkt

Hannover als ein Zentrum der Rüstungsindustrie gehörte zu den norddeutschen Großstädten, in denen seit dem Herbst 1940 Luftschutzbunker für den Zivilschutz gebaut wurden – also erst ein Jahr nach Kriegsbeginn. Der Bunker unter dem Klagesmarkt war einer von sechs Tiefbunkern in Hannover. Dafür wurden französische und belgische Kriegsgefangene als Zwangsarbeiter eingesetzt.

Im Gegensatz zu den umgebenden Wohnhäusern überstand der Bunker den Krieg unzerstört. Aber vor seinen Eingängen spielten sich nach Luftalarmen schreckliche Szenen ab. In Panik wurden Schutzsuchende verletzt oder zu Tode getrampelt – allein im Juli 1944 starben auf den Treppen vor den Bunkereingängen höchstwahrscheinlich 28 Menschen, darunter sechs Kinder.

Angesichts der Wohnungsnot in der Nachkriegszeit fanden sich schnell Möglichkeiten der Umnutzung. Seit der ersten Exportmesse in Hannover-Laatzen 1947 war der Bunker von der Stadt an einen Pächter vergeben, der hier ein unterirdisches Hotel betrieb – immerhin bis zum Jahr 1963. Danach stand der Bunker leer, wurde aber nach Bau der Berliner Mauer 1961 und der Kubakrise 1962 auf seine Wiederverwendbarkeit als Atombunker untersucht. Daraus wurde zum Glück nichts. Kurz zog wieder Leben in den Betonkoloss, als unter Regie des „Flohmarktdirektors“ Reinhard Schamuhn von 1969 bis 1973 das “Kunst-Center Hannover” mit Ateliers und Studios, Übungsräumen für Musiker, einer Theaterbühne und einem Teestübchen eröffnete.

Treffpunkt am 1.Mai

Der Klagesmarkt hatte mit Eröffnung der Markthallen am Tönniesberg in den 1950er Jahren seine angestammte Funktion als Großmarkt verloren. Es blieb lediglich bei einem Wochenmarkt auf dem nördlichen Teil gegenüber der Christuskirche und gelegentlichen Pöttemärkten und Kirmesveranstaltungen auf dem südlichen Teil, der ansonsten als öde Parkfläche für Autos diente. Doch die Funktion dieser innenstadtnahen Großfläche für Aufmärsche und Demonstrationen blieb erhalten. Hier fand am 31. März 1979 mit etwa 100.000 Teilnehmern die bis dahin größte Anti-Atom-Demonstration und bis heute größte Demonstration Niedersachsens statt – Abschlusskundgebung des eine Woche zuvor im Wendland gestarteten Gorleben-Trecks mit rund 500 Traktoren.

Bereits 1953 war am Südende des Platzes, an der heutigen Otto-Brenner-Straße, das Hochhaus des Deutschen Gewerkschaftsbundes DGB eingeweiht worden. Jahrzehntelang trafen zu seinen Füßen, auf dem Klagesmarkt, zum “Tag der Arbeit” am 1. Mai die dezentralen Demonstrationszüge zusammen. Mit Ansprachen, Musikbühnen, Bierzelten und Ständen von zivilgesellschaftlichen Initiativen war das Maifest auf dem Klagesmarkt eine Institution.

Damit war im Jahre 2013 Schluss. Das Maifest musste auf den Trammplatz vor dem Neuen Rathaus umziehen. Nach einem städtebaulichen Wettbewerb wurden 2014-2016 auf der ehemaligen Parkplatzfläche eine Tiefgarage und darüber mehrere Wohn- und Geschäftsgebäude errichtet. Vorher war der Luftschutzbunker abgerissen worden. Als Trost und zur Erinnerung an den ehemaligen Platz informiert seitdem eine Stadttafel in Wort und Bild über seine Geschichte.

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