Königsworther Platz alias „Horst-Wessel-Platz“

Mörder und Opfer
Zwei Villen an einem Platz: Die „Villa Simon“ war seit dem Jahre 1895 im Besitz der jüdischen Unternehmerfamilie Berliner. 1941 wurde sie von der Stadt Hannover erworben. Ihre jüdischen Bewohner wurden deportiert. Wenige Häuser entfernt befand sich mit dem SS-Abschnitt IV das regionale Hauptquartier der SS. Von hier wurden die Vorgänge der Pogromnacht 1938 in Hannover kommandiert.

Karte wird geladen - bitte warten...

Königsworther Platz: Mörder und Opfer 52.377826, 9.723480 mehr lesen... (Routenplaner)

"Horst-Wessel-Platz"

Der Königsworther Platz wurde kurz nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten in Horst-Wessel-Platz unbenannt. Der SA- Mann aus Berlin, angeblich von Mitgliedern des kommunistischen Jugendverbandes ermordet, galt als „Märtyrer der Bewegung“. Nach ihm sind in der Nazi-Zeit viele Straßen oder Plätze benannt.

Am 1. Mai 1933, dem von den Nazis zum Staatsfeiertag erklärten „Tag der Arbeit“, wurde am frühen Morgen auf dem Platz eine „Horst-Wessel-Eiche“ gepflanzt. An der Zeremonie nahmen auch evangelische Jugendverbände wie die Christliche Pfadfinderschaft teil, bevor sie mit einem  großen Umzug durch die Stadt zogen und nachmittags Spiele für Kinder und Familien am Zoo anboten.

Kommandozentrale der SS am Platz

Gegenüber den heutigen Universitätsgebäuden (Conti-Hochhaus) stand an der Westseite des Platzes eine repräsentative Villa. Bis 1933 in jüdischem Besitz, wurde sie danach Kommandozentrale der SS in Hannover. Aus diesem Haus wurden am Abend des 9. November 1938 die Aktionen der „Reichspogromnacht“ in Hannover und seiner Umgebung gelenkt: Zerstörung von Synagogen und Geschäften, Überfälle auf Wohnungen, Verhaftungen jüdischer Männer und ihre Einweisung in Konzentrationslager.

Maßgeblich beteiligt war mit dem SS-Obergruppenführer Friedrich Jeckeln ein späterer Haupttäter des Holocaust. Er wurde nach dem Überfall auf die Sowjetunion 1941 einer der Hauptverantwortlichen für Massenerschießungen der jüdischen Bevölkerung in der Schlucht von Babyn Jar bei Kiew und bei dem „Judenghetto“ Riga. Jeckeln wurde nach Gefangennahme von einem sowjetischen Kriegsgericht 1946 zum Tode verurteilt und gehängt.

Familie Berliner: Unternehmer und Erfinder

An der Einmündung der Königsworther Straße blieb eine Villa erhalten, die heute von der Universität genutzt wird. Diese „Villa Simon“ war bis zu seinem Tode im Jahre 1938 Wohnsitz von Joseph Berliner aus der bedeutendsten jüdischen Erfinder- und Industriellenfamilie Hannovers. 1881 gründete er mit seinem Bruder Emil eine Telefonfabrik in der Kniestraße (Nordstadt). 1898 gründete er, wieder mit seinem Bruder, die Deutsche Grammophon Gesellschaft für die Massenproduktion von Schallplatten. Jacob Berliner war im Jahre 1900 gemeinsam mit seinen beiden Brüdern Gründer der Hackethal-Draht-Gesellschaft zur Produktion verbesserter Leitungsdrähte und Kabel.  Emil Berliner gilt als Erfinder der Schallplatte und des Plattenspielers.

Deportiert und ermordet

Josephs Tochter Clara Berliner nahm zahlreiche jüdische Familien auf, die aus ihren Wohnungen vertrieben worden waren. Mitte des Jahres 1941 lebten über 40 Personen in der „Vila Simon“. Kurz darauf wurde sie gezwungen, Haus und Grundstück unter Wert an die Stadt Hannover zu verkaufen. Alle jüdischen Bewohner mussten ausziehen. Clara Berliner wurde März 1943 von Hannover in das KZ Theresienstadt deportiert und dort ermordet.

Manfred Berliners Tochter Cora Berliner, 1890 in Hannover geboren, war eine bedeutende Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlerin, Wegbereiterin der Sozialen Arbeit und Mitbegründerin der modernen Frauenbewegung. 1933 wurde die Berliner Professorin für Wirtschaftswissenschaften als Jüdin aus dem Staatsdienst entlassen. 1942 ist sie von Berlin in das Ghetto Minsk deportiert worden, dort verlieren sich ihre Spuren.

Mit der Shoah wurde die Existenz der Familie Berliner in Hannover nach sechs Generationen ausgelöscht.

Weitere Informationen

Wkipedia-Beitrag: Emil Berliner

FemBio: Cora Berliner

Wikipedia-Beitrag: Villa Simon

Wikipedia-Beitrag: Friedrich Jeckeln

zurueck