„Judenhaus“ Herschelstr. 31

Erzwungene Umzüge
Mehr als 1200 jüdische Bürgerinnen und Bürger Hannovers mussten nach einer städtischen Anordnung vom 3. September 1941 innerhalb weniger Stunden ihre Wohnungen verlassen. Sie wurden zwangsweise in 16 „Judenhäuser“ im Stadtgebiet eingewiesen. Das Wohnhaus Herschelstraße 31 war eines von ihnen.

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„Judenhaus“ Herschelstr. 31 52.378280, 9.736000  mehr lesen... (Routenplaner)

"Aktion Lauterbacher"

Mitnehmen durften sie ein Bett, etwas Wäsche, einige Kleidungsstücke und Geschirr. Was sie an Eigentum in ihren Wohnungen zurücklassen mussten, wurde durch die Stadtverwaltung beschlagnahmt. Zweck dieser Maßnahme war die Konzentration an wenigen Wohnorten, um vor der geplanten Deportation in die Ghettos und Vernichtungslager Osteuropas die totale Kontrolle über sie zu haben.

Federführend bei den Planungen war die NSDAP-Gauleitung unter Gauleiter Hartmann Lauterbacher. Die Umsiedlung erhielt seinen Namen: „Aktion Lauterbacher“.

Sechzehn „Judenhäuser“ im Stadtgebiet

Zu „Judenhäusern“ wurden Häuser in jüdischem Privateigentum und öffentliche Einrichtungen der jüdischen Gemeinde Hannovers: Altenheime, Krankenhäuser, Schulen, sogar eine Friedhofshalle. Die Verhältnisse in diesen Zwangsquartieren waren unmenschlich. Männer, Frauen und Kinder wurden auf engstem Raum zusammengepfercht und versuchten mit gehängten Decken und Bettlaken notdürftig, sich ein Stück von Privatheit zu erhalten.

Nächtliche Razzien

Während die Bewohner tagsüber Zwangsarbeit in Betrieben Hannovers leisten mussten, herrschte in der Nacht strenges Ausgangsverbot. Deshalb drangen Gestapo-Beamte regelmäßig nachts zu Zählappellen und Razzien in die Häuser ein. Es kam zu Prügelorgien und sexuellen Übergriffen.

Kind aus „Mischehe“

Besonders betroffen von den Überfällen häufig betrunkener Gestapo-Beamter waren die „Judenhäuser“ der Innenstadt Hannovers – darunter das Haus Herschelstraße 31. Hier lebten Anfang Dezember 1941 zwangsweise ca. 150 jüdische Mieter. Nach der ersten Deportation aus Hannover am 15. Dezember 1941 verminderte sich ihre Zahl auf 60 bis 70 Menschen – in der Mehrzahl Ehepaare in „Mischehen“, denen jeweils ein Zimmer zugeteilt worden war. Unter ihnen war das elfjährige Mädchen Ruth Kleeberg mit ihrem jüdischen Vater und ihrer christlichen Mutter. Das Haus brannte während eines Bombenangriffs im Oktober 1943 vollkommen aus.

Mord kurz vor Kriegsende

Die Familie Kleeberg flüchtete aus dem brennenden Haus und wohnte anschließend in einem „Judenhaus“ auf dem Gelände der ehemaligen Israelitischen Gartenbauschule Ahlem. Mutter und Tochter erlebten dort die Befreiung Hannovers am 10. April 1945. Der jüdische Vater war im Spätherbst 1944 wegen „Kriegswirtschaftsverbrechen“ verhaftet worden – er hatte Erde nach Getreidekörnern für seine Hauskaninchen durchsiebt. Nun verbrachte er, wenige Meter von seiner Familie entfernt, neun Wochen im Gestapo-Gefängnis Ahlem. Von dort ist Erich Kleeberg am 5. Februar 1945 in das Hamburger Konzentrationslager Neuengamme deportiert worden. Er starb unmittelbar vor dem Kriegsende im Lager Sandbostel bei Bremervörde.

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