Gedenkort für die Neue Synagoge

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„Im deutschen Stil“
Im Jahre 1870 wurde auf einem offenen Platz der Calenberger Neustadt die Neue Synagoge des bedeutenden jüdischen Architekten Edwin Oppler eingeweiht. In Größe und Baustil drückt sie ein neues Selbstbewusstsein und den Glauben aus, als Juden in der deutschen Gesellschaft gleichberechtigt angekommen zu sein. Denn, so Oppler: „Der romanische Stil ist durch und durch deutsch.“

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Gedenkort für die Neue Synagoge 52.371492, 9.728007 mehr lesen... (Routenplaner)

Späte gesetzliche Gleichstellung

Welch ein Gegensatz zur alten Synagoge von 1827 und ihrem Vorgängerbau von 1703, die sich vor den Augen der nichtjüdischen Bevölkerung in einem Hinterhof der gegenüber liegenden Bergstraße verbargen! Juden hatten über Jahrhunderte kein Wohnrecht in Hannover, wurden nur in der fürstlichen Calenberger Neustadt gegen Sonderzahlungen zugelassen (“Schutzjuden“), erlangten im Königreich Hannover erst 1842 den Anfang einer gesetzlichen Gleichberechtigung. Kaum einhundert Jahre danach war diese Gleichheit von den Nationalsozialisten zurückgenommen worden, und der Ort der Neuen Synagoge leer.

Wellen der Verfolgung

Die Nationalsozialisten hatten nach den zwei antisemitischen Wellen von 1933 („Judenboykott“ vom 1. April, Entlassung von Juden aus dem öffentlichen Dienst) und 1935 („Nürnberger Gesetze“) im Jahr 1938 die Kontrolle, Entrechtung und Diskriminierung der deutschen Juden in einer dritten Welle verschärft. Zu ihr gehörte u.a. die zwangsweise Anmeldung aller Vermögen, das Ende der Zulassung jüdischer Ärzte und Rechtsanwälte, die Kennzeichnung von Reisepässen mit dem Stempel „J“ und den Zwangsvornamen „Sara“ oder „Israel“. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 radikalisierten sich die antijüdischen Maßnahmen zu einer Orgie der Gewalt („Novemberpogrom“).

Attentat als Vorwand

Den Vorwand dazu lieferte das Attentat des jungen jüdischen Hannoveraners Herschel Grynszpan auf den Sekretär Ernst vom Rath der deutschen Botschaft in Paris. Die Nachricht seines Todes erreichte die NS-Parteispitze in München, wo sie wie jedes Jahr zur Feier des Hitler-Ludendorff-Putsches vom 9. November 1923 versammelt war. Was später als Ausbruch des Volkszornes gegen die „feige jüdische Mordtat“ ausgegeben wurde, war eine kühle Inszenierung mit zentralem Befehl aus München: Anzünden, zerstören, verhaften.

„Pogromnacht“ in Hannover

Für Hannover lassen sich die Abläufe der Nacht auf den 10. November 1938 anschaulich nachweisen, weil einiges durch den bekannten Pressefotografen Wilhelm Hauschild im Bild dokumentiert ist. Bis 21.00 Uhr fotografierte er während einer Gedenkfeier der Partei in der Stadthalle und wechselte dann zu einer feierlichen Vereidigung von SS-Anwärtern im Konzerthaus am Hohen Ufer – durch wenig mehr als die Leine von der Neuen Synagoge getrennt. Als die Veranstaltung um 1.30 Uhr endet, zieht Hauschild mit SS-Männern zur bereits brennenden Synagoge und fotografiert sie vom Turm der Neustädter Kirche aus. Der Brand und die folgenden Aktionen wurden vom SS-Hauptquartier am Horst-Wessel-Platz (heute wieder: Königsworther Platz) angeordnet.

Zerstörungen, Raub, KZ-Haft

Ab 3.00 Uhr werden jüdische Geschäfte und Wohnungen zerstört und ausgeraubt. Die Trauerhalle des jüdischen Friedhofs in Bothfeld brennt. Um 7.30 Uhr sprengt die Technische Nothilfe die Kuppel der ausgebrannten Neuen Synagoge, ihre Ruine wird später (auf Kosten der Jüdischen Gemeinde) abgetragen. Gegen Mittag des 10. November sind rund 70 jüdische Einwohner im Polizeigefängnis inhaftiert. Am Abend werden die Zerstörungen und Beschlagnahmungen von SS-Männern neu aufgenommen. Am frühen 11. November werden 275 Verhaftete aus Hannover und der Region zum Bahnhof gebracht und in das KZ Buchenwald transportiert. Sie kommen nach unterschiedlich langer Haftzeit frei – nach der Versicherung, mit ihren Familien Deutschland zu verlassen.

Bilanz des Terrors

91 Tote, 267 zerstörte Synagogen, 7.500 verwüstete Geschäfte, 30.000 Verschleppte in die KZ Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen – das war die „offizielle“ Gesamtbilanz des Terrors. Tatsächlich starben während und unmittelbar in Folge der Ausschreitungen weit mehr als 1.300 Menschen, wurden in Deutschland und dem „angeschlossenen“ Österreich über 1.400 Synagogen, Betstuben und Friedhöfe zerstört.

Gedenken

Der Ort der Synagoge ist nach dem Kriege durch Gebäude der Evangelischen Kirche überbaut worden. Seit 1958 erinnert eine Gedenktafel, seit 1978 eine kleine Gedenkstätte an den Standort der Synagoge in der heutigen „Roten Reihe“. Eine Tafel der Städtischen Erinnerungskultur informiert dort über das Geschehen.

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