Ehrenfriedhof am Maschsee-Nordufer

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Gräber für Opfer aus ganz Europa
Auf diesem Gräberfeld ruhen 386 KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter sowie Kriegsgefangene aus ganz Europa. Unter ihnen sind 154 Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion, die bei einer Massenerschießung am 6. April 1945 – vier Tage vor der Befreiung Hannovers – auf dem Stadtfriedhof Seelhorst ermordet wurden.
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Ehrenfriedhof am Maschsee-Nordufer 52.363454, 9.737256 mehr lesen... (Routenplaner)

Einsatz von Zwangsarbeit

Seit Kriegsbeginn wurden Zivilisten und Kriegsgefangene aus allen besetzten Ländern als Zwangsarbeiter in Deutschland eingesetzt. Ihre Zahl vermehrte sich nochmals im „Totalen Krieg“ nach der Niederlage von Stalingrad im Februar 1943 und angesichts dramatischer Arbeitskräfteknappheit an der „Heimatfront“. In Hannover waren bis zu 60.000 Ausländerinnen und Ausländer zur Arbeit gezwungen; hunderte Barackenlager waren über das Stadtgebiet verstreut. In der Lindener Rüstungsschmiede Hanomag zum Beispiel lag der Anteil von Zwangsarbeitenden an der Gesamtbelegschaft kurz vor Kriegsende bei rund 30%.

Einstufung nach "Rassen"

Die Einstufung der Ausländer folgte rassistischen Kriterien. In Merkblättern gab die Geheime Staatspolizei Gestapo genaue Anweisungen zum Umgang mit „Fremdvölkischen“. Angehörige „germanischer Völker“ wie Holländer oder Norweger genossen mehr Freiheiten, bessere medizinische Versorgung und größere Essensrationen als Slawen. Tschechen und Serben standen über Polen, diese wiederum über den sogenannten „Ostarbeitern“ aus der UDSSR.

Gestapo-Gefängnis Ahlem

Nach Ausbombung in der Südstadt im Oktober 1943 war eine Gestapo-Außenstelle in Gebäuden der ehemaligen Jüdischen Gartenbauschule Ahlem für die Kontrolle und Bestrafung ausländischer Zwangsarbeiter verantwortlich. Unmittelbar neben den Büros der Beamten und Angestellten wurde Mitte 1944 ein eigenes Gefängnis für bis zu 1000 Häftlinge eingerichtet.

Im März 1945 starben wenige Schritte entfernt über 50 Männer und Frauen an den Galgen einer Hinrichtungsstätte. Vor der Ankunft amerikanischer Truppen wurden die Häftlinge des Arbeitserziehungslagers (AEL) der Gestapo in Lahde bei Minden nach Ahlem getrieben.

Einer entkam

Bevor im April 1945 die Gestapo-Angehörigen aus Hannover flohen, bestimmten sie noch 155 sowjetische Zwangsarbeiter zum Tode – diese mussten sich auf dem Seelhoster Friedhof ihr eigenes Massengrab schaufeln. Unter ihnen war eine junge Frau. Peter Palnikow, gefangener Hauptmann der Roten Armee, konnte als Einziger den Schüssen des Gestapo-Kommandos entkommen. Er berichtete später einem Untersuchungs-Tribunal von dem Verbrechen: „Einer der Wachmänner kam auf das Mädchen zu und feuerte einen Schuss auf das Mädchen ab. Er feuerte zum zweiten Mal, aber das Mädchen blieb noch immer stehen. Nachdem der dritte Schuss abgegeben worden war, fiel das Mädchen zu Boden.“ – In diesem Moment gelang Palnikow die Flucht.

Öffentlicher Leichenzug durch Hannover

Der ehemalige Hauptmann war es auch, der nach der Befreiung Hannovers die alliierten Militärbehörden auf die Mordstätte aufmerksam machte. Briten und Amerikaner ordneten die Bestattung dieser Toten auf einem neu errichteten Ehrenfriedhof am Maschsee-Nordufer an.

Dort wurden weitere 232 Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge aus Massengräbern des Seelhorster Friedhofs beigesetzt. Zur Exhumierung der Leichen wurden hochrangige Mitglieder der ehemaligen NSDAP gezwungen, und Hannovers Bevölkerung musste dem Leichenzug zusehen.

Zerstörungen im "Kalten Krieg"

Der zentrale Ort hinter dem Neuen Rathaus sollte helfen, die Morde im Gedächtnis der Stadtgesellschaft zu erhalten. Trotzdem führte der „Russenfriedhof“, wie er bald abwertend hieß, über Jahrzehnte ein Schattendasein. Das Denkmal des ukrainischen Bildhauers Mykola Muchin wurde im „Kalten Krieg“ vielfach zerstört – 1947 der Kopf der Figur abgeschlagen, in den frühen 1950er Jahren der Sowjetstern unter ungeklärten Umständen entfernt, 1979 und 1987 Sprengstoffattentate verübt sowie 1980 das Mahnmal mit Farbe übergossen.

Gemeinsames Gedenken

Im Jahre 1979 übernahm die IG Metall eine Patenschaft für den Friedhof. Seit 2006 arbeitet die Arbeitsgemeinschaft Friedhof Maschsee-Nordufer gemeinsam zu diesem Ort. Sie engagiert sich für Schulprojekte und Pflegepatenschaften, begleitet die Gestaltung von Gedenktagen sowie die Ausrichtung einer internationalen Jugendbegegnung. Jährlich findet hier am 1. September die zentrale Veranstaltung zum Antikriegstag statt.

Eine Geschichts- und Erinnerungstafel auf dem Ehrenfriedhof informiert in Schrift und Bild über den historischen Ort. Sie entstand im Rahmen eines Schulprojektes der Heinrich-Heine-Schule, Hannover in Zusammenarbeit mit: Volkswagen Coaching GmbH, Hannover, IG Metall Hannover, Projekt Hannoversche Lager, Stadt Hannover, Volga Int., Finatep AG und dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. (Vorderseite) und St. Ursula-Schule-Hannover, in Kooperation mit: Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V., der Landeshauptstadt Hannover, Fachbereich Bildung und Qualifizierung, Verein Gegen das Vergessen/NS-Zwangsarbeit e.V., Volga Int. (Rückseite).

Weitere Informationen

Volksbund deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.
Download der Informationstafel als PDF

Städtische Erinnerungskultur Flyer und Informationstafeln zum Download

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