Edelmetallabgabe beim städtischen Leihamt

Staatlicher Raub
An der Beraubung und Verdrängung der jüdischen Bevölkerung war auch die Stadtverwaltung beteiligt. Im Frühjahr 1939 wurden die Juden Hannovers und seiner Umgebung gezwungen, alle Edelmetallgegenstände in ihrem Besitz in das städtische Leihamt Am hohen Ufer zu bringen. Heute steht dort das Historische Museum Hannover.

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Ehemaliges Leihamt der Stadt Hannover 52.371892, 9.731247  mehr lesen... (Routenplaner)

Verdrängung aus dem Wirtschaftsleben

Die Verdrängung der Juden aus der deutschen Gesellschaft nach1933 verlief nach einem Schema: Aktionen von Erniedrigung und Zerstörung folgten Gesetzesbestimmungen und Erlasse. Diese sollten dem neu erreichten Stand der Ausgrenzung einen legalen Schein verliehen.

So auch nach dem Novemberpogrom des Jahres 1938. Die Kettenhunde des Nazi-Regimes waren durch Gewalt befriedigt worden, sie hatten Synagogen niedergebrannt, Wohnungen zerschlagen und Juden ermordet. Nur zwei Tage nach dem Exzess vom 9./10. November wurde bei einer Besprechung mit über 100 Teilnehmern im Berliner Reichsluftfahrtministerium die endgültige Ausschaltung von Juden aus dem Wirtschaftsleben beschlossen:

Ihnen war der Betrieb von Firmen nach dem Jahresende 1938 untersagt. Jüdische Unternehmen unterstanden nun Treuhändern. Jüdischen Angestellten konnte umstandslos gekündigt werden. Wertpapiere mussten auf Sperrkonten gelegt werden. Eine „Sühneleistung“ von insgesamt einer Milliarde Reichsmark wurde als 25-prozentiger Aufschlag zur Einkommenssteuer erhoben, und vieles mehr.

Erzwungene Edelmetallabgabe

Die Stadtverwaltungen wurden an der Ausplünderung beteiligt. Eine Anordnung vom Februar 1939 zwang Juden, sämtliche Edelmetalle und Schmuckstücke in ihrem Besitz innerhalb von zwei Wochen bei Ankaufstellen abzuliefern. Dazu bestimmt wurden die rund 60 kommunalen Pfandleihanstalten im Deutschen Reich. Das hannoversche Leihamt befand sich hinter den Mauern des im 17. Jahrhundert gebauten ehemals welfischen Zeughauses Am hohen Ufer.

Die Einlieferer erhielten einen geringen Teil des Materialwertes ausgezahlt, nachdem die Leihämter eine Verwaltungsgebühr abgezogen hatten. Gegenstände unterhalb des Auszahlungswertes von 300,- Reichsmark konnte die Leihanstalt selber erwerben; sie wurden den lokalen Innungen der Juweliere und Goldschmiede angeboten oder öffentlich versteigert. Kunstgegenstände wanderten zu Museen und Sammlern. Höherpreisige Gegenstände mussten bei einer Zentralstelle in Berlin abgeliefert werden.

Je näher der Krieg rückte und je desolater die deutsche Rohstoffversorgung sich darstellte, desto öfter gingen die Metallgegenstände den Schmelzanstalten zu. Schätzungen zufolge schickten die Leihämter insgesamt 135 Tonnen Silber und 1,3 Tonnen Gold in die Schmelzöfen. Unfreiwillig mussten Juden die deutsche Kriegsrüstung aufrechterhalten.

Ergänzung von Hannovers Ratssilber

Profiteure dieser Aktion waren neben dem Staat alle Käufer, denen die günstigen Preisen zugute kamen, alle Kunsthändler und Sammler, die einzigartige Wertgegenstände erwerben konnten. Und oft findet sich in den Verkaufslisten der Leihanstalt als Eintrag: „Oberbürgermeister Hannover“. OB Henricus Haltenhoff kaufte mindestens 142 Teile zur Ergänzung des Ratssilbers. Die Silbergegenstände dienten nun zur Repräsentation der Stadt Hannover.

Wenn dabei die Monogramme der Vorbesitzer störten, wurden diese durch Gold- und Silberschmiede entfernt und durch das städtische Wappen ersetzt. Anschließend konnten NS-Größen mit Präsenten günstig gestimmt werden. Aktenkundig ist ein mehrteiliges silbernes Kaffeservice „dem Herrn Oberpräsidenten SA-Stabschef Viktor Lutze zum 50. Geburtstag in Verehrung gewidmet“. Auch Gauleiterstellvertreter Schmalz, Reichsinnenminister Frick und viele weitere kamen in den Genuss von Raubgut aus vormals jüdischem Besitz.

Weitere Informationen

Bundeszentrale für politische Bildung: Rüdiger Fleiter, Kommunen und NS-Verfolgungspolitik

Wikipedia-Eintrag: Henricus Haltenhoff

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