Ehemaliges Gewerkschaftshaus mit Volksheim

Herz der Arbeiterbewegung Hannovers
Das hannoversche Gewerkschaftshaus war ein großer Häuserkomplex zwischen Goseriede und Odeonstraße mit zahlreichen Innenhöfen. Am 1. April 1933 wurde es von Nationalsozialisten gestürmt und besetzt.

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Eines von vielen Gewerkschaftshäusern

Die Idee der Gewerkschaftshäuser war aus der Not geboren. Während die deutsche Arbeiterbewegung vor dem Ersten Weltkrieg mächtig anwuchs, wurden ihren Versammlungen und Organisationen oft Räume verwehrt. Also galt es, eigene Gewerkschafts- und Volksheime zu schaffen – bis zum Jahre 1922 entstanden sie in einhundert deutschen Städten.

Aber in Hannover war die Suche nach einem innenstadtnahen Baugrundstück nicht einfach. Der Kauf des städtischen Grundstücks an der Goseriede, auf dem wenig später das „Anzeiger-Hochhaus“ entstand, scheiterte am Widerstand des nationalistischen Stadtdirektors Heinrich Tramm. Dafür wurde im Jahre 1909 ein großes Grundstück gegenüber mit Hilfe von Strohmännern (zwei Brauereien) erworben. Es lag zwischen der Nikolaistraße (heute: Goseriede), der Odeonstraße und der Artilleriestraße (heute: Kurt-Schumacher-Straße). Das Hauptgebäude an der Nikolaistraße 7 konnte schon im Oktober 1910 eingeweiht werden, bald darauf auch das Mittelgebäude sowie das Herbergsgebäude an der Odeonstraße. Bauträger waren die freien Gewerkschaften Hannovers und der Ortsverein der SPD.

Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg kam ein großer, parallel verlaufender Gebäudekomplex hinzu: aus dem Saal- und Gaststättenbau des „Kriegerheim“ an der Nikolaistraße 10 wurde das „Volksheim“. Der Arbeiterbewegung stand nun ein Saal für bis zu 2000 Personen zur Verfügung.

Den Nazis ein Dorn im Auge

Die Gebäude boten Platz für Verwaltungen vieler Einzelgewerkschaften und des Allgemeinen deutschen Gewerkschaftsbundes ADGB, für gewerkschaftliche Einrichtungen wie Arbeiterwohlfahrt und Volksfürsorge, Redaktion und Druckerei der sozialdemokratischen Zeitung „Volkswille“, Versammlungssäle und Bibliotheken, Volksbuchhandlung und Fahrradhaus „Frischauf“, Restaurant und Stehbierhalle, ein Hotel und eine einfache Herberge für durchreisende Arbeiter sowie einige Wohnungen.

Das Gewerkschaftshaus war ein Symbol für die Macht der Arbeiterbewegung – und den Nationalsozialisten damit ein Dorn im Auge. In der braunen Presse Hannovers hieß es nur „rote Mordzentrale“ und „Standquartier des organisierten Verbrechergesindels“. Bereits im Jahre 1932 verübte die SA zahlreiche Anschläge auf das Haus. Der erste organisierte Überfall auf das Gewerkschaftshaus geschah am 16. Juni 1932. Männer des SA-Sturm 100 zogen von ihrem Stammlokal „Kreuzklappe“ in der hannoverschen Altstadt zur Goseriede und versuchten vergeblich, in das Restaurant einzudringen.

Endgültige Besetzung

Am 1. April 1933 wurde das Gewerkschaftshaus durch bewaffnete Truppen der SA und SS besetzt. Unter dem Vorwand, aus dem Gewerkschaftshaus sei geschossen worden, stürmten sie den Gebäudekomplex, durchsuchten alle Räume, warfen Gegenstände aus den Fenstern, verbrannten Fahnen der Gewerkschaftsbewegung auf dem Gehweg und hissten als Zeichen ihres Triumpfs die Hakenkreuzfahne. Das Geschehen wurde heimlich vom Arbeiterfotografen Walter Ballhause fotografiert.

Wenig später zog mit der „Deutschen Arbeitsfront (DAF)“ die Pseudo-Gewerkschaft der Nazis in das Gewerkschaftshaus. In hannoveraner Adressbüchern nach 1933 heißt es „Haus der deutschen Arbeit“.

Legaler Kurs der SPD

Hitler war zum Zeitpunkt der Stürmung seit zwei Monaten Reichskanzler, die Polizei in der Hand der Nationalsozialisten, nach dem Reichstagsbrand vom 27. Februar 1933 waren zahlreiche Grundrechte der Weimarer Verfassung außer Kraft gesetzt worden.

Die etwa 60 Männer des sozialdemokratischen „Reichbanner“ zum Schutz der Gebäude leisteten keinerlei Widerstand. Ihre Partei hatte seit Monaten zu „Ruhe und Besonnenheit“ aufgerufen und jeden bewaffneten Widerstand ausgeschlossen. So wurde die sozialdemokratische Arbeiterbewegung auch in Hannover ein Opfer ihres streng legalen Kurses – während die neuen Machthaber systematisch Rechte brachen.

Nach 1945

Was blieb? Auf dem Grundstück des im Krieg zerstörten „Volksheim“ wurde von 1957 bis 1974 die „Hannoversche Presse“ bzw. „Neue Hannoversche Presse“ produziert, ursprünglich Nachfolgerin des sozialdemokratischen „Volkswille“. Heute stehen hier die „Verdi-Höfe“.

Das Hauptgebäude des Gewerkschaftshauses wurde nach dem Neubau am Klagesmarkt 1953 an den Textilunternehmer Konradt Tiedt verkauft. 1998 ist der Gebäudekomplex von einem Hamburger Unternehmer saniert und zum Geschäftshaus sowie Veranstaltungszentrum unter dem Namen „Tiedt-Hof“ umgebaut worden.

Nur die hannoversche SPD blieb dort, wo sie schon 1924-1933 und dann nach 1945 ihre Büros hatte: im Gebäudeteil Odeonstraße 15-16. Bis zum Umzug nach Bonn arbeitete hier der Parteivorstand der SPD unter Kurt Schumacher.

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