Neues Rathaus

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Vier Stadtmodelle in der Kuppelhalle
Sie zeigen anschaulich die Entwicklung Hannovers von der kleinen Residenzstadt der Welfen (1689) zur Industriestadt am Vorabend des Zeiten Weltkriegs (1939), von der durch Bomben fast vollständig zerstörten Innenstadt (1945) bis zum Wiederaufbau als „autogerechte Stadt“ (2012).

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Die Stadtmodelle im hannoverschen Rathaus 52.367385, 9.737331   mehr lesen...  (Routenplaner)

Residenzstadt der Welfen

Hannover wurde in der Mitte des 17. Jahrhunderts zur Residenzstadt der Welfen. Das älteste Modell zeigt die durch Bastionen und Wassergräben wehrhaft gemachte Festung mit dem Fürstenschloss am „Hohen Ufer“ der Leine – heute Sitz des niedersächsischen Landtags. Der Ballhof in der Nähe des Schlosses – zwischen Marktkirche und Kreuzkirche – diente der höfischen Gesellschaft für Veranstaltungen und Vergnügungen, zu Ballspiel, Theateraufführungen und Konzerten. Die Stadt wurde durch den Flusslauf der Leine in Altstadt und Neustadt geteilt.

Fürstliche Glaubenstoleranz

Während der Altstädter Stadtrat seit der Reformation ein strenges lutherisches Regiment führte und Angehörige anderer Konfessionen (Katholiken, Juden, Reformierte) nicht zuließ, herrschte in der fürstlichen (Calenberger) Neustadt größere Religionsfreiheit. Die Straße Rote Reihe bildete eine „Meile der Toleranz“ mit Kirchen der Reformierten, Katholiken und ab 1703 einer jüdischen Synagoge.

Eine moderne Industriestadt

Im Modell von 1939 erinnert nur das Gewirr der Altstadtgassen an die mittelalterlichen Ursprünge. Hannover hatte sich seit dem 19. Jahrhundert zur Industriestadt mit einer halben Million Einwohnern an einem wichtigen Eisenbahnkreuz entwickelt. Sie war Sitz bedeutender Unternehmen der Branchen Metall (Hanomag, Eisenwerke Wülfel u.a.), Nahrungs- und Genussmittel (Sprengel, Bahlsen, Appel-Feinkost u.a.), Chemie (Pelikan, Continental u.a.), Textil (Lindener Samt, Döhrener Wollkämmerei u.a.), Elektrotechnik und Unterhaltung (Deutsche Grammophon, Hackethal Draht- und Kabelwerke u.a.).

Die Industrialisierung hatte eine starke, sozialdemokratisch geprägte Arbeiterbewegung mit ihren Zentren in Linden, Wülfel, Döhren und Oberricklingen hervorgebracht – das große Gewerkschaftshaus an der Goseriede war Symbol ihrer Macht. Hannovers erster demokratisch gewählter Oberbürgermeister war in den Jahren 1918 bis 1924 ein Sozialdemokrat.

Sieg des Hakenkreuzes

Aber das Modell von 1939 zeigt ein von den Nationalsozialisten beherrschtes Hannover. Bis zum Ende der 1920er Jahre war die NSDAP eine rechte Splitterpartei. Noch bei der Kommunalwahl 1929 gewann die NSDAP 4,9 Prozent, die SPD 48,6 Prozent der Stimmen. Überdurchschnittliche Erfolge erreichte die Partei wenig später in der Weltwirtschaftskrise. Die letzte halbwegs freie Kommunalwahl Mitte März 1933 – bereits nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler – brachte den Nazis in Hannover 42 Prozent Wählerstimmen. Immerhin noch 32 Prozent entfielen auf die Sozialdemokraten. Aber Unterdrückung der linken und freiwillige Gleichschaltung der bürgerlichen Parteien sorgten für einen schnellen Sieg des Hakenkreuzes in Hannovers Neuem Rathaus.

Wirtschaftsboom durch Kriegsrüstung

Das Jahr 1939 bedeutete auch für Hannover den Beginn des Zweiten Weltkriegs, den die Nationalsozialisten mit dem Überfall auf Polen auslösten. Die Firmen hatten schon lange auf Kriegswirtschaft umgestellt, es herrschte eine künstliche Hochkonjunktur mit Vollbeschäftigung. Die Produktion der Reifenfabrik Continental – Hannovers größtes Unternehmen – steigerte sich von 1933 bis 1938 um das Vierfache, ihre Belegschaft verdoppelte sich. Und die Lindener Hanomag, die statt Personenwagen und Lokomotiven nun Geschütze, U-Boote und Kettenfahrzeuge herstellte, vervierfachte die Zahl ihrer Arbeiter bis 1936 innerhalb von drei Jahren.

Die Synagoge als Symbol

Anders erging es jüdischen Unternehmen, die zunehmend enteignet („arisiert“) worden waren. Eine Verordnung untersagte Juden ab dem Januar 1939 endgültig den Betrieb von Geschäften, Handwerksbetrieben, Handel und Dienstleistungen. Das Ziel der Nationalsozialisten, sie aus Deutschland zu vertreiben, war auch in Hannover erfolgreich: Bis Kriegsbeginn floh mehr als die Hälfte der jüdischen Wohnbevölkerung vor Schikanen und Entrechtung in das Ausland; zurück blieb mit knapp 2000 Personen eine stark überalterte Gemeinde.

Das Modell enthält eine bewusste historische Unrichtigkeit: Die Neue Synagoge in der Calenberger Neustadt war schon im November 1938 („Pogromnacht“) durch Brandstiftung vernichtet und kurz darauf abgerissen worden. Sie wird hier als Symbol gezeigt, um ihren Platz im Stadtbild zu markieren.

Am Ende: Eine zerstörte Stadt

Der von den Nationalsozialisten ausgelöste Brand kam zurück nach Deutschland. Bei Kriegsende war Hannovers Innenstadt nach 88 Luftangriffen fast vollständig durch Bomben vernichtet. Die Zerstörung des Zentrums lag bei 90 Prozent aller Gebäude. Die Hälfte der Wohnungen Hannovers war unbewohnbar. Unter den zerstörten Kirchen der Altstadt war auch die Aegidienkirche. Ihre ausgebrannte Hülle ist seit dem Jahre 1954 das zentrale Mahnmal für den Frieden in Hannover.

Wiederaufbau? Neuaufbau!

Das Zentrum Hannovers entstand überraschend schnell neu. Entscheidenden Anteil daran hatte der Architekt und Planer Rudolf Hillebrecht als Stadtbaurat von 1948 bis 1975. Er sah den Sieg des Individualverkehrs nach amerikanischem Vorbild voraus, und zog daraus die Konsequenzen: Ein System von Schnellstraßen und Tangenten  sollte den Verkehr um die Innenstadt herum lenken, und sie gleichzeitig für Kaufwillige im Auto erreichbar machen. In den 1950er Jahren galt dies als zukunftsweisend: Stadtplaner aus ganz Deutschland pilgerten an die Leine, der „Spiegel“ titelte 1959 mit einem Porträt Hillebrechts unter dem Titel „Das Wunder von Hannover“.

Heute werden die autogerechten Schneisen durch die Stadt kritisch gesehen. Viele vom Krieg verschonte Häuser mussten ihnen weichen. Während sich Hillebrecht für den Wiederaufbau einiger zentraler Gebäude stark machte (Oper, Schloss, und mehr), galt ihm die Architektur um die Jahrhundertwende („Gründerzeit“) als stil- und wertlos. Seine Kritiker warfen ihm die „zweite Zerstörung“ Hannovers vor.


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