Burgstraße:
Geburtshaus Herschel Grynszpan und „Rusthaus“

zhe_11„Polenaktion“
Am 28. Oktober 1938 wurden deutschlandweit etwa 17.000 Juden mit polnischer Staatsangehörigkeit verhaftet und kurz darauf per Eisenbahn nach Polen abgeschoben. Dieser „Polenaktion“ genannte Gewaltakt kam für die Betroffenen völlig überraschend und er betraf Familien, die meist schon seit Jahrzehnten in Deutschland lebten. Unter ihnen befanden sich die Angehörigen Herschel Gryszpans aus der Burgstraße 36.

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Geburtshaus Herschel Grynszpan 52.372213, 9.732020 Seine Tat wurde der Vorwand zur Pogromnacht. Mehr lesen... (Routenplaner)

Abschiebung aus Hannover

Viele jüdische Einwohner Russisch-Polens waren vor dem Ersten Weltkrieg nach Pogromen in das Deutsche Reich ausgewandert – Deutschland galt ihnen als vergleichsweise liberal und rechtssicher. Nach der Neugründung eines polnischen Staates 1918 erhielten sie polnische Pässe, blieben aber zumeist in Deutschland wohnen. Nach einer Verordnung der polnischen Regierung drohte ihnen zum 1. November 1938 der Verlust der Staatsbürgerschaft, wenn sie sich dauerhaft im Ausland aufhielten. Das NS-Regime nutzte die drohende Staatenlosigkeit als Vorwand zur Massenabschiebung am 28. Oktober 1938.

In Hannover waren am Tage zuvor 484 polnische Juden durch Polizisten aus ihren Wohnungen, von der Arbeit und aus der Schule geholt und in den Versammlungssaal des früheren Arbeiterbildungsvereins gebracht worden. Die Gebäude des Vereins standen auf einem weitläufigen Grundstück zwischen Burgstraße und Hohem Ufer. Dort mussten die Festgesetzten mit wenigen Habseligkeiten auf ihre Abschiebung mit der Bahn nach Polen warten.

Der im Jahre 1845 von Buchdruckern zu Bildungszwecken gegründete „Arbeiterverein zu Hannover“ hatte sich bereits während des Kaiserreichs sehr reaktionär entwickelt und gab sich während der Weimarer Republik den neuen Namen „Verein für Fortbildung“ – damit sollte jede Verwechslung mit sozialdemokratischen oder gar kommunistischen Bestrebungen vermieden werden. Kurz nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten ist das Haus – auf Antrag des Trägervereins – nach dem Hannoveraner NS-Gauleiter und Reichsbildungsminister Bernhard Rust in „Rusthaus“ umbenannt worden. Heute steht auf diesem Grundstück der Neubau der Volkshochschule.

Betroffen: Auch Familie Grynszpan

Unter den Festgesetzten befanden sich die Eltern und zwei Geschwister des späteren Attentäters Herschel Grynszpan. Die Familie wohnte seit 1915 nur wenige Meter entfernt in einer kleinen Wohnung in der Burgstraße 36. Der erst 17 Jahre alte Herschel hielt sich Ende Oktober 1938 illegal in Paris auf. Auch eine Rückkehr nach Deutschland war ihm durch abgelaufene Papiere versperrt. Nachdem er, in dieser verzweifelten persönlichen Lage,  durch Briefe der Schwester zusätzlich vom Schicksal seiner Familie erfuhr, kaufte er eine Pistole und gab in der deutschen Botschaft mehrere Schüsse auf einen Botschaftsmitarbeiter ab. Der erlag am Nachmittag des 9. November 1938 seinen Schussverletzungen.

Vorwand zum Novemberpogrom

Die Nachricht vom Tode des Sekretärs erreichte die versammelte NS-Führung in München. Die Einzeltat diente nun als Vorwand für den anschließenden Novemberprogrom. Von München aus ergingen telefonische Befehle zur Verwüstung jüdischer Geschäfte und Wohnungen, zu Brandstiftungen an hunderten Synagogen sowie zu Massenverhaftungen vermögender Juden. Herschel Grynszpan ließ sich widerstandslos von der französischen Polizei festnehmen. Nach dem deutschen Sieg über Frankreich 1940 wurde er ausgeliefert und in das zentrale Gestapo-Gefängnis Berlins gebracht.

Inhaftierung und Ermordung

Zu dem von der NS-Führung geplanten Schauprozess gegen Herschel Grynszpan kam es nicht. Weitere Haftstationen waren das KZ Sachsenhausen und das Zuchthaus Magdeburg. Wahrscheinlich wurde er 1943 ermordet. Seine Eltern und der Bruder überlebten den Krieg in der Sowjetunion.

Erinnerung am ehemaligen Geburtshaus

Am Ort des ehemaligen Geburtshauses Herschel Grynszpans in der Burgstraße steht heute das Historische Museum Hannover. Seit dem 22. März 2010 erinnert hier ein „Stolperstein“ an ihn und seine Schwester Esther. 2013 wurde dort eine neue Stadttafel angebracht, die eine englische Übersetzung bietet.

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