Der Ballhofplatz

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Falsches Mittelalter
Der Ballhofplatz erscheint heute als ein idyllischer Rest des Mittelalters in Hannover. Dabei ist er viel jünger: Der Platz selber und seine Randbebauung sind ein Ergebnis der nationalsozialistischen Altstadtsanierung vor dem Zweiten Weltkrieg.

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Der Ballhof 52.372481, 9.732642  mehr lesen... (Routenplaner)

Die Altstadt wurde zum Slum

Hannovers Altstadt hatte sich seit dem 19. Jahrhundert in weiten Teilen zu einem Elendsquartier inmitten einer modernen Großstadt entwickelt. Alte Fotografien und Filme zeigen lichtlose Gassen, übervölkerte Fachwerkhäuser und schlechte hygienische Verhältnisse. Bessergestellte Familien zogen in die neu entstehenden Gründerzeitviertel wie die List oder Südstadt. Ärmere blieben oder kamen neu hinzu – darunter viele Familien der Sinti sowie jüdische Zuwanderer aus Osteuropa, die nach antisemitischen Pogromen eine Zukunft in Deutschland suchten.

Kiez von Herschel Grynszpan

Ein Beispiel dafür ist die russisch-polnische Familie Grynszpan, die von 1915 bis zur Vertreibung im Jahre 1938 in der zweiten Etage der Burgstraße 36 lebte. In diese 40qm-Wohnung ohne Bad und mit Toilette im Hinterhof wurden sieben Kinder geboren, von denen vier früh verstarben. Herschel Grynszpan wuchs hier auf – sein Attentat auf einen deutschen Botschaftssekretär in Paris diente den Nazis als Vorwand für die Auslösung der „Pogromnacht“ 1938.

Alte Pläne – von den Nazis umgesetzt

In den Augen der Nationalsozialisten war die Altstadt ein Hort von Alkoholismus, Kriminalität und Prostitution sowie Brutstätte des Kommunismus: ein „Sumpf“, den es auszutrocknen galt. Aber die Pläne zur „Gesundung“ der Altstadt waren älter. Sie scheiterten an Finanzierungsfragen und zuletzt an der Wirtschaftkrise zum Ende der Weimarer Republik. Nach 1933 nahmen die neuen Machthaber die alten Pläne energisch in ihre Hände. Ziel wurde nun, durch Abrisse von Gebäuden und Vertreibung der bisherigen Bewohner Raum für politisch zuverlässige und „rassisch wertvolle Volksgenossen“ zu schaffen. Die Öffnung der engen Bebauung galt als Voraussetzung einer besseren sozialen Kontrolle – durch enge Straßen und die zahlreichen Seiten- und Hinterhäuser in den Höfen war dieser Bereich der Altstadt zu ca. 84 Prozent überbaut.

Ein neuer Platz entsteht

Die erste Etappe der sogenannten „Altstadtgesundung“ hatte bis zum Jahre 1939 dieses Viertel radikal verändert und einen neuen Platz geschaffen. Während die Bebauung durch Seiten- und Hinterhäuser ersatzlos wegfiel, wurden Vorderhäuser niedergelegt und die gewonnenen Fachwerkbalken für ausgesuchte Rekonstruktionen verwendet. Der südliche Teil der engen Ballhofstraße wurde komplett beseitigt und dadurch der historische Ballhof freigelegt. Das Ballhofgebäude wurde zu einem Festsaal der Hitlerjugend HJ umgebaut.

Sanierung als politische Säuberung

Östlich angrenzend entstand ein Heim der HJ, das Fachwerkgebäude zur Burgstraße nahm den Bund Deutscher Mädchen BDM auf. Auf dem neuen Ballhofplatz fanden Aufmärsche statt. Gegenüber im Eckhaus zur Kreuzstraße zog das Polizeirevier I ein, einige Häuser weiter zur Kreuzkirche herrschte in der Gaststätte „Kreuzklappe“ die Sturmabteilung SA. Die sanierten Wohnungen der umgebenden Häuser wurden vornehmlich von Angestellten und städtischen Bediensteten bezogen. Das Herz des angeblichen „Altstadtsumpfes“ war innerhalb weniger Jahre zu einem Hort von Ordnung und Disziplin geworden.

Der Umbau weiterer Viertel der Innenstadt wurde nach Kriegsbeginn eingestellt. Diese Aufgabe erledigte unfreiwillig die „Flächensanierung“ durch Bomben.

Weitere Informationen

hannover.de Ballhofplatz
(Eventmanegement ohne ein Wort zum historischen Hintergrund)

LEMO NS-Organisiationen > Hitler Jugend (HJ)

Jugend in Deutschland 1918-1945 Die Hitlerjugend

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